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: Hände an Schriftstellerköpfen

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Fotografien von Isolde Ohlbaum erkennt man daran, dass sie farblos sind, blass, aussagelos, meistens ist ein Schriftsteller darauf, und Hände spielen eine große Rolle. Sie ist wahrscheinlich eine der berühmtesten Schriftstellerporträtistinnen, die es gibt, und sie ist das wohl vor allem deshalb, weil sie die berühmtesten Schriftsteller vor ihrer Kamera hatte.

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          Fotografien von Isolde Ohlbaum erkennt man daran, dass sie farblos sind, blass, aussagelos, meistens ist ein Schriftsteller darauf, und Hände spielen eine große Rolle. Sie ist wahrscheinlich eine der berühmtesten Schriftstellerporträtistinnen, die es gibt, und sie ist das wohl vor allem deshalb, weil sie die berühmtesten Schriftsteller vor ihrer Kamera hatte. Elias Canetti, Alberto Moravia, Patricia Highsmith, Eugène Ionesco, Paul Auster, die tollsten Gesichter waren vor ihrer Kamera. Und was hat sie daraus gemacht?

          Gesichter mit Händen daran, die sich um den Kopf herum legen, als gelte es, sich irgendworan festzuhalten, und sei es am eigenen Kinn. Menschen, die nicht zu wissen scheinen, was sie machen sollen. Mit unsicherem Blick gucken sie in die Kamera. Ist die Session zu Ende, kann ich gehen?, scheinen sie zu denken, soll ich mich nicht vielleicht doch noch mal irgendwie anders hinsetzen?

          Viele der Schriftsteller, deren Portraits in Ohlbaums neuen Band "Bilder des literarischen Lebens" versammelt sind, halten die Arme über der Brust verschränkt. (Giorgio Agamben, Anita Albus, Lily Brett, Bernd Cailloux, Italo Calvino, J. M. Coetzee, Zsuzsanna Gahse, Lars Gustafsson, Christoph Hein, Angela Krauß, Helmut Krausser, Brigitte Kronauer, Annette Mingels, Martin Mosebach, Katja Oskamp, Amos Oz, Oskar Pastior, Ulrich Peltzer, Kerstin Specht, Arnold Stadler, Aleksandar Tisma, Michel Tournier, Theresia Walser). Sie wirken, als ob sie sich mit aller Macht dagegen stemmen wollen, dass die Fotografin irgendetwas über sie erfährt, und wenn man so will, haben die Schriftsteller gegen Isolde Ohlbaum gewonnen. Denn man erfährt tatsächlich nichts über die Menschen auf ihren Bildern. Außer dass sie sich in dem Moment des Fotografiertwerdens offensichtlich nicht besonders wohl fühlten.

          Andere lehnen an Mauern oder halten sich an Zäunen fest, wieder hat man den Eindruck, sie suchen Schutz. Ein Mann, Georges-Arthur Goldschmidt, hält sich sogar an einer Straßenlaterne fest, die er, unsicher wirkend, von der Seite umarmt. Andere haben gerade ihre Brille abgenommen und scheinen nun nicht zu wissen, wohin damit (Michael Ende, Agota Kristof, Katja Lange-Müller, Stanislaw Lem, Giorgio Manganelli, Gerhard Meier, Pascal Mercier, Péter Nádas, W. G. Sebald, Richard Sennett, Tilman Spengler, Dieter Wellershoff).

          Alle stehen oder sitzen und gucken ausdruckslos in die Kamera, wenn sie sich nicht eben an der Nase kratzen wie Said oder eine Pfeife anzünden wie Siegfried Lenz. Es liegt eine große Leere über den Bildern, die nichts anderes erzählen, als dass hier Menschen zu sehen sind, die im Moment nicht wissen, wie lange das noch dauert. Bei manchen erkennt man gleich, dass sie Schriftsteller sind, weil sie an einem Schreibtisch sitzen.

          Was Isolde Ohlbaum nicht zu haben scheint, ist eine Vision von den Porträtierten. Das kann natürlich als Vorteil ausgelegt werden - diese Offenheit, das Vage, Allgemeine und dadurch vielleicht Allgemeingültige. Aber es entsteht nichts daraus. Man hat nicht das Gefühl, dass die Menschen auf den Bildern in einem uninszenierten Augenblick etwas von sich zeigen, das sie sonst lieber versteckt halten, dass ihnen die Kamera irgendetwas entlockt, das sie lieber für sich behalten hätten, weil es ihr Innerstes offenbart. Im Gegenteil hat man den Eindruck, selbst lockeren Schriftstellern gelingt es vor Isolde Ohlbaums Kamera, alles von sich zurückzuhalten. Selbst die paar, die lächeln, wirken wie gefroren in dieser Schrecksekunde, die jeder kennt, der besonders locker vor einer Kamera bestehen soll. Auf Isolde Ohlbaums Bildern sieht man Leute, die gerade fotografiert werden und deren Beruf das nicht ist. Leute, die auf etwas zu warten scheinen, und man kann sich ziemlich genau denken, auf was.

          Ob die Porträtierten glücklich sind mit ihren Bildern? Dem Vorwort nach, das Cees Nooteboom geschrieben hat, scheint es so. Wie in fast jedem Vorwort zu Bildbänden ist auch hier wieder einmal von den Völkern die Rede, die sich nicht fotografieren lassen, weil sie meinen, dass es ihnen etwas raube. Nooteboom meint, in Ohlbaums Bildern tatsächlich die Seele der Porträtierten zu erkennen. Auch ihn hat Ohlbaum fotografiert. Auf seinem Bild in diesem Band sieht er aus, als warte er, dass er die Hand wieder von der Stirn nehmen dürfe.

          JOHANNA ADORJÁN

          Isolde Ohlbaum "Bilder des literarischen Lebens - Photographien aus vier Jahrzehnten". Verlag Schirmer/Mosel, 352 Bilder von 357 Autoren, 68 Euro

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