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: Hab' ich nicht ein unglaubliches Glück?

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Es gibt Wohnungen in Paris, die von der großen weiten Welt erzählen und vom Ruhm, den ihr Besitzer sich dort erworben hat, Wohnungen mit weitem Glasdach oder romantischen Türmchen, versteckte Paläste oder Kutscherhäuser in verborgenen Innenhöfen. Diese nicht. La Butte aux Cailles ist ein Stück Provinz in ...

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          Es gibt Wohnungen in Paris, die von der großen weiten Welt erzählen und vom Ruhm, den ihr Besitzer sich dort erworben hat, Wohnungen mit weitem Glasdach oder romantischen Türmchen, versteckte Paläste oder Kutscherhäuser in verborgenen Innenhöfen. Diese nicht. La Butte aux Cailles ist ein Stück Provinz in der Nähe des Quartier Latin, die Wäsche hängt zum Trocknen aus, Schulkinder trödeln nach Hause. Das grauweiße eingeschossige Haus steht da, als wollte es lieber irgendwo anders stehen, in der Bretagne zum Beispiel oder in Genua. Ein Küstenstadthaus. Eine Fassade, die sich verwittern lässt, die keine Miene verzieht. Wie der Mann, der die Tür öffnet. Weil Eric Raoult alias Erik Orsenna sich schwer damit tut, in die expressive Gestik und Mimik seiner Landsleute zu verfallen, greift er zu großen Worten. Wie sehr er sich über den Besuch freue. Wie sehr ihm Deutschland am Herzen liege . . . Im Laufe des Gesprächs wird er aber auch die Bretagne, den Maghreb, Schwarzafrika, Mittelamerika und das Portugal des sechzehnten Jahrhunderts als seine eigentliche Seelenheimat identifizieren. Alles, bloß nicht Paris.

          Ein kurzer Gang zum Wasserhahn, ein hohes Glas wird aufgefüllt, dann geht es zu zwei alten Clubsesseln im überdachten Innenhof dieses Fischerhauses. Es wird die Art von Besuch, bei der anschließend auf der Kassette von den anderthalb aufgenommenen Stunden die eigene Stimme vielleicht sechzig Sekunden lang zu hören ist. Der Rest ist Redefluss, besser gesagt: Redestrom. Auf dem Band sagt er dann fünf oder sechs Mal: jamais. Ich bin nie hier. Sieben Monate sei er im letzten Jahr auf Reisen gewesen, oder in der Bretagne oder sonst wo. Bloß nicht hier. Bloß nicht in Paris. Man könnte leicht vergessen, dass Eric Orsenna in Paris alle Punkte gemacht hat, die es zu machen gibt, alle Ehren wurden ihm zuteil, jede einzelne. Er hat die wichtigsten literarischen Preise gewonnen, war jahrelang Spezialberater des Staatspräsidenten und des Außenministers, gehörte dem Staatsrat an, ist Mitglied der Académie Française, der Académie Goncourt, er hat alle Orden und kennt alle wichtigen Leute.

          Wenige Tage vor unserem Treffen, das kurz vor der Präsidentenswahl stattfand, war er mit Ségolène Royal zum Mittagessen verabredet, prompt galt er als Anwärter auf das Amt des Kulturministers: "Da ist der Hasspegel der anderen vielleicht gestiegen", beschreibt er die Reaktion - ja von wem eigentlich? Von Paris, irgendwie.

          Mit den Sozialisten, zu denen er gehört, seit er siebzehn ist, hat er einige Probleme. Das liegt an einem Thema, seinem Lebensthema: der Arbeit. Die Sozialisten haben die Fünfunddreißig-Stunden-Woche eingeführt. So viel arbeitet Orsenna an zwei Tagen, wenn er es locker angeht: "Von fünf bis neun Uhr früh schreibe ich, dann habe ich einen ganz normalen Arbeitstag. Die Arbeit ist mir das Wichtigste. Mit der Fünfunddreißig-Stunden-Woche hat man aber das Signal gegeben, Arbeit sei zweitrangig, die Freizeit sei das Wichtigste! Das war Frankreichs Botschaft an die Welt. Wir sind intelligenter als ihr, also brauchen wir auch nicht so lange zu arbeiten." Er hingegen, sagt er, habe immer am allerliebsten nur gearbeitet. Orsenna ist Jurist, Volkswirtschaftler, Historiker, alle Geistes- und Sozialwissenschaften hat er durch. Nun sind die Naturwissenschaften sein Thema. Und natürlich die große Welt.

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