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: Hab' ich nicht ein unglaubliches Glück?

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Mit einem Buch über den Golfstrom fing seine Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern an. "Ich kann erzählen, sie kennen die Fakten", beschreibt er die Symbiose. Beides zusammen ergibt große Bucherfolge. Sein nächstes Buch geht über das Wasser, das Wasser der Welt. In Deutschland, das ist ja der Anlass des Besuchs, ist in diesem Jahr "Weiße Plantagen", seine Geschichte der Baumwolle, erschienen. Tausend Briefe erreichten ihn als Reaktion auf dieses Buch. Bald wird er - denn einen Großteil seiner Zeit widmet er der Arbeit für Nichtregierungsorganisationen - ein Treffen veranstalten, Produzenten von Qualitätsbaumwolle aus Burkina treffen, Abnehmer aus der Bretagne, regionale Zusammenarbeit statt langwieriger Handelsdiplomatie, so was gefällt ihm.

Das Baumwollbuch ist ein Spaziergang und ein hochpolitisches Buch, das einerseits die unfaire Behandlung Afrikas schildert, andererseits aber auch mit den Lieblingsmythen der Antiglobalisierer bricht: Geld- und Kleiderspenden bedeuten Afrikas Tod, ein fairer Handel ist eine problematische Sache, und wenn überhaupt, findet man ihn bei einem Luxusunternehmen wie Hermès: garantierte Abnahme gegen Qualitätssicherung, freut sich Orsenna!

Der Protagonist des Buchs ist nicht einfach zu benennen. Es ist die Pflanze, klar, aber man vergisst beim Lesen nie den Autor. Er spaziert durch Ägypten, wo es ein Baumwollmuseum gibt, und bis nach Mali, wo man hart arbeitet, die beste Baumwolle herstellt und doch keine Chance hat: Auf den lokalen Märkten türmen sich die Klamotten aus unseren Altkleidersammlungen, eine eigene Textilwirtschaft aufzubauen lohnt sich nicht. Und die Vereinigten Staaten, die sitzen auf dem falschen Boden für die Baumwolle, also lassen sie Geld regnen.

Das alles liest sich ganz interessant, aber dennoch scheint das Buch unter einem unerklärlichen Druck zu stehen, zu posieren. Genau wie Orsenna, der nun die lange Liste seiner aktuellen und künftigen Arbeiten runterrattert: Er hat ein Märchen über die Accents geschrieben, ein Roman über einen portugiesischen Kartographen des sechzehnten Jahrhunderts ist in Arbeit ("Unsere Epoche, die ist wie das sechzehnte, das sage ich ihnen"), fünfhundert Seiten, er lässt das erst mal ruhen bis zum Wasser, und wenn er die Geschichte mit dem Wasser gemacht hat, will er den Nordpazifik bereisen. "Die Abhöranlagen der Amerikaner und all das", sagt er. Orsenna ist auch ausgebildeter Kapitän, steht dem Centre international de la Mer vor, und ein ausgezeichneter Musikkenner ist er selbstverständlich auch.

"Habe ich nicht", stellt er wieder und wieder fest, "ein unglaubliches Glück?" "Ich kann bei den größten Wissenschaftlern meine Neugier stillen, dann darüber schreiben. Ich habe durch das Schreiben alles erreicht. Beruflichen Erfolg, Preise, Ehrungen und die Gunst der Damen. Ein unglaubliches Glück habe ich!" Erst mal klingt das logisch: Für den, dem die Arbeit alles bedeutet und der sich die Welt als Arbeitsplatz auserkoren hat, ist das Leben ein einziges, tiefes Glück.

Aber sagen wahrhaft glückliche Menschen wirklich andauernd, wie glücklich sie sind? Dieser stundenlange Monolog über das Glück und die Welt entlässt den Zuhörer seltsam traurig und matt, später unangemessen froh über die zivile Langeweile eines warmen Nachmittags in der Butte aux Cailles.

NILS MINKMAR

Erik Orsenna: "Weiße Plantagen". Eine Reise durch unsere globalisierte Welt. Aus dem Französischen von Antoinette Gittinger und Uta Goridis. C. H. Beck Verlag, München 2007. 288 S., 6 Karten, 2 Abb., geb., 18,90 [Euro].

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