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Guy Debord: Ausgewählte Briefe : Im Schatten der öffentlichen Spektakel

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Ein echter Kapitalismuskritiker muss von sich selbst abzusehen wissen: Bewunderung und Lob, die ihm gezollt wurden, wischte Guy Debord immer beiseite. Wie konsequent er das tat, erschließt sich bei der Lektüre seiner Briefe.

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          Guy Debord kämpfte ständig mit begrifflichen Etiketten. Empfindlich reagierte er auf jede zu solide Idee vom Charakter und von den Zielen der eigenen Person. In seinem Hauptwerk „Gesellschaft des Spektakels“ von 1967 schreibt er in Artikel 61: „Der als Star in Szene gesetzte Agent des Spektakels ist das Gegenteil, der Feind des Individuums.“ Wer die kapitalistische Gesellschaft und ihre Hierarchien radikal kritisiert, so, wie Debord es im Auge hatte, sollte also vor radikaler Selbstkritik nicht zurückschrecken. Wie konsequent Debord diesen Anspruch umsetzt, erschließt sich bei der Lektüre seiner Briefe, von denen nun eine Auswahl erschien.

          Bewunderung und Lob, die ihm gezollt werden, wischt Debord beiseite. Zu einer Fernsehdokumentation, die kurz nach seinem Selbstmord 1994 gezeigt wurde, hat er der Regisseurin Brigitte Cornand geschrieben: „Ich will keinerlei Bemerkung von irgendjemandem hören, auch keine lobende, noch will ich, dass Sie selbst sie hören. Es ist nämlich undenkbar, dass ich implizit wem auch immer die minimalste Kompetenz oder auch nur geringste Fähigkeit zugestehe, mein Werk oder mein Verhalten zu beurteilen.“

          Bürokratischer Galgenhumor

          Dieselbe notorische Distanz pflegte Debord auch seiner Rolle in der Situationistischen Internationale - 1957 bis 1972 - gegenüber. „Außerdem neigen viele unserer Gegner idiotischerweise dazu, mich als den ,Chef' der SI hinzustellen. Daher glaube ich, dass wir mit Blick auf die Star-Fabrikanten da draußen darauf achtgeben sollten, mich so weit wie möglich in den Schatten treten zu lassen“, schrieb er an verschiedene Sektionen der Gruppe im Juli 1969.

          Sich selbst rückt er ins Dunkel, die Situationisten verortet er außerhalb des Systems bürgerlicher Ansprüche und Erfolgskriterien. Am 29. Februar 1968 lässt er Sylvain, einen Anarchisten aus Lyon, wissen: „Es stimmt, dass es bei uns einige Künstler oder Intellektuelle gibt, aber deutlich weniger als am Anfang. Und es sind auch eher Anti-Künstler und Anti-Intellektuelle, wie die Anti-Karriere, die wir alle machen, ruhmreich beweist.“ Und im selben Brief fällt diese Bemerkung über einen Mitstreiter Sylvains: „Er hat uns offensichtlich nicht gelesen, sonst würde er uns nicht für ideologisch halten. Er muss irgendeine seltsame Art von ,Situationisten' kennen, die wir wiederum nicht kennen.“

          In seiner Korrespondenz bedient sich Guy Debord jener großen gedanklichen Freiheit, die Verneinung im Allgemeinen und Definitionen ex negativo im Speziellen bieten. Für seinen Sprachwitz ist das Schreiben von einer „ruhmreichen Anti-Karriere“ ein Beispiel. Immer wieder steuert Debord auf Probleme zu, die inzwischen auch unsere real existierende Gesellschaft des Spektakels beschäftigen. Im Beschluss für den Bau eines Atomkraftwerks in der Nähe von Paris erkennt er 1976 bürokratischen „Galgenhumor“. Den Konsum industriell produzierten Fleisches kommentiert er 1985: „Nicht um uns im Schlaraffenland leben zu lassen, muss ein Teil des Planeten an Hunger sterben; sondern, um uns im Dreck leben zu lassen.“

          Er kann auch anders

          Das Thema Integration behandelt Debord ganz im Sinne des Duchampschen „Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt“. In Kombination mit seinem umfassenden Kulturpessimismus diagnostiziert er: „Es wird keine Integration geben. Für diese ist es ebenso zu spät wie für Ausweisung. Frankreich wird niemanden integrieren können, nicht weil sie zu viele sind, sondern weil es zu wenig geworden ist. Es gibt kein Frankreich mehr. Ganz bestimmt gibt es keine französische Kultur mehr, es gibt keine ,französische Lebensweise' (wir sind das Amerika der Armen). Ganz bestimmt gibt es kein französisches Volk mehr. Schließlich gibt es nicht einmal mehr Christen, so dass es nicht mehr darum geht, ob die anderen Muslime sind.“ Mit diesem Einwurf kommentiert Debord 1985 einen Buchentwurf des befreundeten Algeriers Mezioud Ouldamer zur Integration.

          Wie wenig sich Debord in der schriftlichen Kommunikation um Etikette schert, auch darüber gibt diese Briefauswahl Auskunft. Mit bemerkenswertem Charme umgarnt er eine Verlagsmitarbeiterin und lobt sie für ihre Schroffheit. Aber er kann auch anders. Im Jahr 1971 schließt er René Riesel aus der Situationistischen Internationale aus. Dafür zerrt er das Sexualleben seiner eigenen und von Riesels Frau, „auf ,ästhetischer' Ebene ein Kalb“, mit absoluter sprachlicher Gewalt ins Öffentliche. Loben wird man ihn dafür nicht wollen, aber darauf legte er schließlich keinen Wert. Doch lesen sollte man ihn trotzdem.

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