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: Gut gespielt!

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Hunderte von Pianisten, heute vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, aus Osteuropa und Fernost, drängen alljährlich auf die Konzertpodien und in die Aufnahmestudios. Den wenigsten gelingt eine dauerhafte Karriere: Zu gnadenlos ist der Konkurrenz- und Leistungsdruck im Überlebenskampf.

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          Hunderte von Pianisten, heute vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, aus Osteuropa und Fernost, drängen alljährlich auf die Konzertpodien und in die Aufnahmestudios. Den wenigsten gelingt eine dauerhafte Karriere: Zu gnadenlos ist der Konkurrenz- und Leistungsdruck im Überlebenskampf. Die Auftrittmöglichkeiten im Klassiksegment verringern sich zusehends durch den Rückzug von Kulturpolitik, Sponsoren, Veranstaltern und Publikum. Marktstrategen und Medien, für die Kunst und Künstler längst zur Ware geworden sind, bauen aus dem Überangebot an Pianisten vor allem diejenigen auf, die als Wunderkinder, Senkrechtstarter oder vergötterte Berühmtheiten einen lukrativen Sensationserfolg und "Event"-Wert versprechen. In diesem Kommerzkarussell bleiben allzu viele charaktervolle, ausdrucksfähige Künstler auf der Strecke. Dieser fatalen Tendenz wollen sich die erfahrenen Musikjournalisten Ingo Harden, Gregor Willmes und Peter Seidle mit ihren sechshundert Pianistenprofilen entgegenstellen. Jenseits von Musikideologien und Promotionstrategien möchten sie, wie Harden im Vorwort erläutert, "den Blick für die Vielfalt und Individualität pianistischer Persönlichkeiten schärfen".

          Das Spektrum der Auswahl, die sich vor allem an der Präsenz der Pianisten auf Tonträgern orientiert, reicht von Johannes Brahms, von dem eine später auf Langspielplatte und CD übertragene Wachszylinderaufzeichnung von 1889 überlebt hat, bis zu Künstlern, die in den frühen Achtzigern des vorigen Jahrhunderts geboren wurden. Außer Brahms sind viele weitere Komponisten und Dirigenten einbezogen, die zugleich herausragende Pianisten waren oder sind. Aber auch Liedspezialisten und Pianisten in festen Kammermusikformationen sind berücksichtigt. Jeder Beitrag gliedert sich in eine Chronologie der Lebens- und Karrieredaten, eine zentrale ästhetische Positionsbestimmung jedes Künstlers und eine Liste der Tonträger. Obwohl die Autoren Kritik im ursprünglichen Wortsinn als Unterscheiden künstlerischer Eigenschaften statt als (Ver)Urteilen verstehen, werden Vorbehalte oft schon in der Wortwahl deutlich. Doch jeder Artikel ist getragen von einer Ernsthaftigkeit und einem kulturellen Verantwortungsbewusstsein, die in der Mode des frischen Simplifizierens zu verschwinden drohen. Wer als Leser aus eigener jahrzehntelanger Metiererfahrung einen Großteil der Porträtierten kennt, ist überrascht von der inhaltlichen und verbalen Treffsicherheit. Und dies trotz der zwangsläufigen Subjektivität eines jeden künstlerischen Werturteils und der grundsätzlichen Schwierigkeit, flüchtige Höreindrücke verbal wiederzugeben.

          Die Beiträge zeichnen künstlerische Wege und Irrwege nach, leuchten Nischen und Marktlücken aus, in denen manche Pianisten sich eingerichtet haben, versuchen, Karrierebrüche zu ergründen, erinnern an "verschwundene" Senkrechtstarter oder an siegreiche Verlierer wie Ivo Pogorelich. In der Summe der plastischen Einzelporträts kristallisieren sich Musiker-"Dynastien" aus Lehrer-Schüler-Folgen heraus - also das Panorama einer sich noch fortsetzenden Klavierepoche über Generationen hinweg.

          Das alphabetisch angelegte Handbuch ist eine schier unerschöpfliche Orientierungshilfe für alle, die sich auf dem übervölkerten, unübersichtlichen Klavierplanenten zurechtfinden müssen oder wollen: die Musikliebhaber und Konzertbesucher, die eine eigene begründete Meinung anstreben; für Pianisten, die im schwarzweißen Tastendschungel Trampelpfade meiden wollen; für Redakteure, Veranstalter, Manager und Agenten.

          Nicht zuletzt machen die Profile darauf aufmerksam, dass es für einen Pianisten nicht genügt, ein sensationell bravouröser "Oktavenjupiter, Skalenpapst, Terzenritter, Trillerkönig" (Hans von Bülow) zu sein. Entscheidend ist vielmehr die triftige Charakterdarstellung, die das Wesen des Instruments, des Werks und des Interpreten miteinander ausbalanciert.

          ELLEN KOHLHAAS

          Ingo Harden, Gregor Willmes: "PianistenProfile". 600 Interpreten: ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Unter Mitarbeit von Peter Seidle. Bärenreiter Verlag, Kassel 2008. 798 S., Abb., geb., 69,- [Euro].

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