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: Gut gemeint und schwer daneben

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Die Debatte um den Kampf der Kulturen oder, je nach Übersetzung, der Zivilisationen, die wir mit Samuel Huntington einem Herrn verdanken, der schon im Ärger um die Unpünktlichkeit mexikanischer Handwerker einen besorgniserregenden Kampf ums Abendland erkennt, hat etwas zutiefst Ermüdendes, denn ...

          Die Debatte um den Kampf der Kulturen oder, je nach Übersetzung, der Zivilisationen, die wir mit Samuel Huntington einem Herrn verdanken, der schon im Ärger um die Unpünktlichkeit mexikanischer Handwerker einen besorgniserregenden Kampf ums Abendland erkennt, hat etwas zutiefst Ermüdendes, denn mit der Frage, ob es den Kampf gibt oder nicht, ist nichts gewonnen, und die Jahre gehen ins Land.

          Der Vorteil dieses Buches ist es nun, einen neuen Standpunkt zum Ausblick auf die weite wilde islamische Welt zu etablieren, den der Demographie. Sein Nachteil ist, diese Erkenntnisse gleich in eine Position in der Debatte um die Frage der Existenz des Kampfs der Kulturen umzuwandeln. Das Argument geht so: Weil, wie im Buch nachgewiesen wird, auch in der islamischen Welt die Alphabetisierung der Frauen voranschreitet und die Geburten zurückgehen, folgt sie mittelfristig dem Muster der westlichen Modernisierung, wie es sich im "Pariser Becken" herausgebildet hat und irgendwann ist der ganze Orient wie das Quartier Latin.

          Nun ist es ein altes Klischee, dass Pariser Intellektuelle als Norm und Idealfall menschlicher Existenz den Pariser Intellektuellen heranziehen, selten aber hat man es in solch erfrischend unverfälschter Form serviert bekommen wie hier. Weil im Pariser Becken seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die Religiosität zurückging, die Alphabetisierung aber voranging, kam es , so verkürzen es die Autoren, zur Französischen Revolution, die hier zwar nicht explizit die glorreiche genannt wird, es fehlt aber auch nicht viel: "Als im Pariser Becken die liberale, auf Gleichheit pochende, revolutionäre und schließlich friedlich republikanische Ideologie ihren Siegeszug antrat, hatte dort bereits ein halbes Jahrhundert zuvor die Religion ihre Bedeutung verloren." Kein Wort von der Terreur, keine Vendée Massaker, nichts über die irren Religionsersatzversuche der Republik. Das ganze tragische Taumeln der Geschichte bis und mit Napoleon wird einfach weggelassen, damit das Verlaufsmuster schöner kommt: Antiklerikalismus, Alphabetisierung und Geburtenkontrolle führen in die Moderne, eigentlich direkt zur milden Regierung eines François Fillon.

          Die brutale Kontextualisierung des demographischen Materials in so ein schulbuchjakobinistisches Verlaufsmuster ist einfach nur schade, denn die Daten, die das Buch bietet, sind brisant. Sie zeigen in großer Detailfreude und mit einiger Plausibilität, dass alle islamischen Gesellschaften im tiefen Wandel begriffen sind. Zwei wichtige Indikatoren - die Alphabetisierung der Frauen und der einsetzende Geburtenrückgang - werden besonders beachtet. Und es liegt in der Tat nahe, diesen beiden Phänomen eine große soziale Wirkmächtigkeit zuzuschreiben. Sie bleiben aber bloße Indikatoren und ersetzen keine historischen Analysen und Erzählungen. Sicher mag aus einem kurzfristigen Zusammentreffen beider Faktoren in einer traditionalen Gesellschaft eine Desorientierung und Krisenanfälligkeit resultieren, was dann aber daraus wird, kann man mit dem Vorhandensein beider Indizes allein nicht ableiten. Es kommt ja beispielsweise auch darauf an, was die Frauen lesen, und ein Geburtenrückgang kann ja auch bedeuten, dass pränataltechnologische Erkenntnisse genutzt werden, um die Mädchen abzutreiben.

          Aus demographischen Erkenntnissen allein lässt sich eben nicht ableiten, ob wir einen Kampf der Kulturen haben oder wie die Geschichte weitergeht. Es gibt, wie wir wohl wissen, moderne, bürgerlich geprägte Gesellschaften, in denen Frauenbildung und Familienplanung in hoher Blüte standen, die eine nie dagewesene Barbarei entfalteten.

          Das Buch ist gut gemeint und schwer daneben. Besonders verstörend liest sich die Deutschland betreffende Passage, nach der "das" deutsche Erbrecht die ältesten Söhne begünstigt, so dass "die" deutsche Familie durch Autorität geprägt sei, was dann zu Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus führe: "Wenn die Brüder (beim Erben) ungleich sind, so sind es auch die Menschen und Völker." War Schillers "Alle Menschen werden Brüder" eine Hymne an den Familienkrach? Im Ernst: Das deutsche Erbrecht war so vielfältig wie die Herrschaftsstrukturen des Alten Reiches. Daraus eine Fundamentalerklärung der deutschen Psyche und Geschichte abzuleiten ist wissenschaftlicher Leicht-, nein: Schwachsinn. Nach solchen Hämmern traut man leider auch den anderen Thesen nicht über den Weg.

          Youssef Courbage, Emmanuel Todd: "Die unaufhaltsame Revolution". Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Aus dem

          Französischen von Enrico Heinemann. Piper

          Verlag, München 2008. 218 S., 8 Grafiken, 9 Tafeln, 1 Karte, geb., 16,90 [Euro].

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