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Gut & Böse : Wir sind uns näher, als wir denken

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Dave Barrys Buch „Die Achse des Blöden“ kommt gerade zur rechten Zeit. Doch die vermeintliche Abrechnung mit George W. Bush und seinen dummen weißen Männern entpuppt sich als Mogelpackung.

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          Vielen Deutschen ist Amerika seit langem schon unheimlich. Das sonnige Selbstvertrauen, das extreme Machtbewusstsein und der unverhohlene Stolz der Amerikaner wirken befremdlich auf ein Volk, das sich seiner selbst derart ungewiß ist wie das deutsche.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als ungemein wohltuend empfindet es daher mancher, daß die Amerikaner in ihrer Irak-Politik auf ungeahnte Widerstände stoßen. Konnten Amerika-Kritiker bislang allenfalls aus etwas Abstraktem wie der angeblichen Kulturlosigkeit der Vereinigten Staaten Honig saugen, so dürfen sie sich diesmal daran ergötzen, wie die amerikanische Regierung ganz realpolitisch von vermeintlichen Verbündeten düpiert wird.

          Amerika-Bashing ist derzeit so beliebt wie seit langem nicht mehr; es hat sich sogar zu einem kleinen Geschäftszweig entwickelt, zu dessen Blüten nicht nur Anti-Bush-T-Shirts zählen. Besonders überzeugend wirkt die Amerika-Kritik dann, wenn sie von Amerikanern vorgebracht wird. Michael Moores Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ und sein Buch „Stupid White Men“ haben ein großes Publikum gefunden, das sich seine Vorurteile über Amerika bestätigen lassen oder neue hinzugewinnen konnte.

          Reagan, Bush, Mickey Mouse

          An Moores Erfolg sucht nun der Eichborn-Verlag sich anzuhängen. Das Buch, das er soeben herausgebracht hat, kommt gerade zur rechten Zeit: „Die Achse des Blöden“ lautet der einprägsame Titel des Werkes, dessen Cover eine verfremdete Version der Präsidentenköpfe vom Mount Rushmore zeigt - ganz nach dem Geschmack überzeugter Alteuropäer: Die republikanische Cowboy-Sippe mit Reagan, Bush Senior und Bush Junior wird komplettiert durch Mickey Mouse.

          Ein gehässiges wie Neugierde erregendes Titelbild; es ziert nur dummerweise das falsche Buch. Dave Barry, der Autor, ist kein zweiter Michael Moore, und sein Buch, von Eichborn als „beißende Satire auf das politische Amerika“ verkauft, alles andere als das. Den Pulitzer-Preisträger und bekannten Kolumnisten Barry würde man hierzulande wohl nicht den Satirikern zuordnen, sondern den Humoristen. Wer befürchte, schreibt Barry in der Einleitung, „in diesem Buch mit endlosen Fakten und Informationen konfrontiert zu werden“, den könne er beruhigen: „Es kommen fast keine darin vor.“

          Anständige Kerle

          Seiner Kritik nimmt Barry somit von vornherein jegliche Schärfe. Statt eine präzise Analyse der amerikanischen Politik und Gesellschaft zu liefern, reiht er denn auch lieber Scherze aneinander. Spätestens in jedem dritten Satz bringt Barry eine Pointe unter, was schnell ermüdend wirkt. Seine liebste Zielscheibe ist dabei nicht die Regierung von George W. Bush; letzterem attestiert Barry ganz freundlich, er wirke privat intelligenter als bei öffentlichen Auftritten, während Ronald Reagan für ihn „ein ganz normaler, anständiger Kerl“ war. Die „Achse des Blöden“ ist damit schon gesprengt.

          Worüber sich Barry tatsächlich ärgert, das sind der gigantische Beamtenapparat, die pentranten Lobbyisten, welche die Regierung fest im Griff haben, die Unfähigkeit der Politiker, eine anständige Steuerreform hinzubekommen. Mit anderen Worten: all das, womit sich auch Deutschland herumschlägt. Statt also, wie Buchtitel und Umschlag suggerieren, den deutschen Lesern eine weitere Gelegenheit zu geben, sich über die dummen Amerikaner zu amüsieren, lernen wir bei der Lektüre, dass beide Völker einander viel näher sind, als man oft glauben mag.

          Zum Irak-Konflikt hat Barry wiederum nur einen matten Scherz zu bieten: „Wenn der Irak uns weiterhin Probleme bereitet, schicken wir einen Bomber los und werfen über Bagdad Anwälte ab.“ Dass das Thema so kurz kommt, verwundert wenig - ist die Originalausgabe doch bereits im Jahr 2001 erschienen, und zwar unter dem Titel „Dave Barry Hits Below The Beltway“, in dem weder eine Achse des Blöden noch des Bösen auftaucht. Das Spiel mit dem Anti-Amerikanismus entpuppt sich als Marketing-Gag. Hoffen wir für den Eichborn-Verlag, daß die Käufer des Buches Spaß verstehen.

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