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Eine Biographie Otto Neuraths : Die Glückssumme ist zu klein

Bildpädagoge, Reformökonom, nüchterner Soziologe und Wissenschaftsphilosoph: Otto Neurath Bild: Hyphen Press, London

Wirtschaften ohne Geld, lehren ohne Worte, aufklären ohne Dogmen: Günther Sandner hat dem Wiener Reformer Otto Neurath eine Biographie gewidmet.

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          Als Otto Neurath Ende 1945 unerwartet in Oxford verstarb, war über ihn in einer englischen Zeitung als „consulting sociologist of human happiness“ zu lesen. Vielleicht war das eine Beschreibung, die ohnehin auf Neurath selbst zurückging, der um einprägsame Formeln für seine Projekte nie verlegen gewesen war. Um menschliches Glück war es in letzter Instanz ja tatsächlich bei ihm gegangen.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Um jenen Anteil des Glücks nämlich, der sich nach Neurath gesellschaftlich sollte sichern und vergrößern lassen - indem der „Gesellschaftstechniker“ ein klares Bild von gesellschaftlichen Mechanismen zeichnete und damit deren Akteuren die Möglichkeit gab, sie in demokratischen Entscheidungen zum Nutzen aller besser einzurichten. Und indem der Wissenschaftsorganisator gleichzeitig dafür sorgte, dass die theoretischen wie praktischen Kenntnisse zu diesem Zweck sich möglichst schnell erweiterten.

          Was Neurath für diese reformerischen Ziele aufbot, fällt unter viele Stichworte: eine Theorie der „Sozialisierung“ der Wirtschaft, eine Methode der Bildstatistik und Bildersprache, Programme für den Siedlungsbau, eine strikt „empirische“ Soziologie, eine konsequent praxisbezogene Deutung aller Erkenntnis, das prononciert „anti-metaphysische“ Programm einer „vereinheitlichten Wissenschaft“ samt dem Projekt ihrer enzyklopädischen Darstellung, der Umriss einer pragmatischen Wissenschaftstheorie.

          Korrektur kapitalistischen Wirtschaftens

          Alle diese Arbeitsfelder Neuraths haben in den letzten Jahrzehnten ihre eigenen Historiker und Interpreten gefunden. Aber bestechend bleibt eben nicht zuletzt, wie eng sie bei ihm miteinander verknüpft waren, als Facetten eines (wissenschafts)-politischen Reformwillens.

          Genau diesen Zusammenhang hat Günther Sandner in seiner politischen Biographie Otto Neuraths im Blick. Es ist eine biographische Zusammenschau, auf die man lange schon wartete, zumal sie auch auf eigene Nachforschungen und Funde in Neuraths Nachlass zurückgreifen kann. Das wird gleich an der Jugendgeschichte des 1882 in Wien geborenen Neurath deutlich. Sie zeigt den Sohn des aus kleinen Verhältnissen zum Professor der Nationalökonomie aufgestiegenen Wilhelm Neurath im brieflichen Austausch mit der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key. Schon der Gymnasiast fängt Feuer an deren Idealen, nicht ohne ziemlich schnell zur Kritik an den Geschlechterrollen überzugehen, von deren Verwirklichung sich Key eine glücklichere Gesellschaft versprach.

          Gleichzeitig stößt man beim bewunderten und 1901 früh verstorbenen Vater auf Ideen, die bereits ein Motiv des Sohnes anklingen lassen, nämlich das Ziel einer ökonomischen Wertlehre, die eine transparente und dadurch vernünftig justierbare Kalkulation von Angebot und Nachfrage ermöglichen sollte.

          Ein Mann der Linken

          Bei Wilhelm Neurath war mit einer solchen Korrektur kapitalistischen Wirtschaftens absolut keine Entscheidung für den linken politischen Flügel verknüpft. Der Sohn freilich ging dann mit seinen Vorstellungen einer transparenten volkswirtschaftlichen Naturalrechnung und einer auf ihr fußenden geldlosen Naturalwirtschaft einige Schritte weiter.

          Und allen Beschwörungen der expertenhaften Neutralität zum Trotz, die Neurath immer wieder anbrachte, war er ein Mann der Linken - der an Marx gelernt haben wollte, wie sich nüchterne Analyse der Gegenwart und konkrete Konstruktion alternativer Formen wirtschaftlicher Organisation verbinden lassen. Mit Marx als Autorität unumstößlicher Einsichten oder politischer Leitsätze, wie es die österreichischen wie deutschen Sozialisten nach dem Abkanzeln der „Revisionisten“ gern hielten, durfte man ihm freilich gerade deshalb nicht kommen.

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