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Günther Anders: „Die Kirschenschlacht“ : Fensterlos sind die Monaden, und unglücklich Liebende können von ihnen lernen

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Bild: Verlag

Versuch der Annäherung an die Frau der frühen Jahre: Die Aufzeichnungen von Günthers Anders über Hannah Arendt aus dem Nachlass.

          4 Min.

          "Ihr grünäugiger Ghettoblick der Verwunderung setzt bei ihr stets dann ein, wenn sie Zeugin einer Leistung wird, deren sie trotz ihrer außergewöhnlichen Gaben selber nicht fähig ist." Der Satz stammt von dem Philosophen und Schriftsteller Günther Anders, mit dem Hannah Arendt von 1929 bis 1937 verheiratet war. Er eröffnet das verlockend betitelte Buch "Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt", das Gerhard Oberschlick herausgegeben hat. Es ist eines der befremdlichsten Bücher über Hannah Arendt. Doch man liest es mit Gewinn, wenn man es als Buch über den Autor begreift, über das Elend, erfahren zu müssen, dass man für die Geliebte der Nicht-Genügende ist. Das schmerzt lebenslänglich. "Die Kirschenschlacht" ist ein tief bewegendes Buch über Günther Anders.

          Anders lernte Arendt 1924 in Marburg kennen, als beide die Vorlesungen Heideggers besuchten, mit dem Arendt zu dieser Zeit liiert ist. Darum hat sie für den brillanten Studenten Anders, der damals noch Günther Siegmund Stern hieß, keine Augen. Erst 1929 trifft sie ihn auf einem Maskenball in Berlin wieder. Arendt gibt seinem intensiven Werben nach; sie heiraten rasch.

          Philosophische Schlachten beim Kirschenentsteinen

          Doch die von Anders anvisierte intellektuell fundierte Lebens- und Denkgemeinschaft, wie seine eigenen erfolgreichen Eltern sie lebten, entsteht nicht, denn Hannah lässt sich nicht zähmen. Darauf bezieht sich das der "Kirschenschlacht" vorangestellte Motto, ein Einzelblatt aus dem Nachlass von Anders: "Gewonnen habe ich Hannah auf dem Ball mit der im Tanzen gemachten Bemerkung, daß Lieben derjenige Akt sei, durch den man etwas Aposteriorisches: den zufällig getroffenen Anderen, in ein Apriori des eigenen Lebens verwandle. - Bestätigt hat sich diese schöne Formel freilich nicht."

          Wenn man Anders glauben kann, ging es nach der Hochzeit so weiter wie auf dem Maskenball. Die Eheleute bezogen eine winzige Wohnung in Drewitz bei Potsdam. Anders arbeitete an einer systematisch angelegten philosophischen Anthropologie, während Arendt ihre eigene Situation mit Hilfe eines Buches über Rahel Varnhagen in den Griff zu bekommen suchte. Die Wohnung hatte einen Zwergenbalkon, auf dem die Eheleute beim Kirschenentsteinen philosophische Schlachten schlugen. Anders hat nachher alles gewissenhaft aufgeschrieben und, so soll man glauben, diese Notizen durch alle Fluchten, Wanderungen, Umzüge hindurch bewahrt.

          Vier Erinnerungsfragmente

          Als Arendt im Dezember 1975 einem Herzinfarkt erliegt, ist Anders erschüttert. Seit 1937 war er von ihr geschieden, und hinter ihm lag ein aus vielen Gründen und an vielen Ungetümen gescheitertes Leben. Zu den Höhepunkten dieses Lebens gehörten die Balkongespräche 1929/30, als alles noch möglich schien. Darum sucht Anders im Dezember 1975 diese Notizen hervor und beginnt sie in Dialoge zu verwandeln, die er 1984 noch einmal überarbeitet. "Wie viel von Hannah darin ist", schreibt Anders, "kann ich nicht mehr bestimmen: Der Versuch, Hannahs schon damals ganz eigenständigen Denk- und Sprachstil wieder herauszurufen, ist mir nicht gelungen, nur der, ihre Gestik zu schildern."

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