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Günter Wallraff: Aus der schönen neuen Welt : Alles muss man alleine machen

Bild: Verlag

„Die neue Welt ist überhaupt nicht schön“: Günter Wallraff hat sich wieder zu verdeckten Ermittlungen unter den Gebeutelten des Landes aufgemacht. Sein antiquiertes Buch wirkt verblüffend frisch.

          Ganz unten und noch mal ganz von vorn: Passend zum Maultaschen-Urteil erscheinen Günter Wallraffs neue Undercover-Geschichten „Aus der schönen neuen Welt - Expeditionen ins Landesinnere“. Kündigungen wegen Bagatelldelikten (die Entwendung von Maultaschen, Frikadellen, Leergutbons oder von Strom zum Aufladen des Privathandys) schlagen derzeit hohe Wellen. Das Arbeitsgericht Radolfzell bestätigte gerade die fristlose Kündigung einer Altenpflegerin, die aus der Küche ihres Betriebs, dem sie siebzehn Jahre lang angehörte, eine Handvoll Maultaschen hatte mitgehen lassen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit der Geschichte über den Anwalt, der „die Unkündbaren“ kündigt - Schwerbehinderte, Schwangere, Kranke und Betriebsräte -, trifft Wallraff einen Nerv der Krisenzeit. Die Unappetitlichkeiten, um die es in dieser Geschichte geht, verdeutlicht die folgende, von Wallraff zitierte Feststellung eines Arbeitsgerichtsurteils: „Wird das Mobbing vom Arbeitgeber gelenkt, so geht es in der Regel darum, den Arbeitnehmer auf kaltem Wege zur Aufgabe seines Arbeitsplatzes zu bewegen.“ Mit Dokumentationen dieser Art könnte heute so mancher Arbeitnehmer rasch zum gefragten Buchautor werden. Wallraff nennt den besagten Anwalt fürs Grobe, mit dem er (verkleidet als unfallgeschädigter Unternehmer mit Halskrause im Rollstuhl) zusammengetroffen war, hundsgemein, beileibe keinen Einzelfall, eine Schande für seine Zunft, und hofft auf eine Klage, damit die dem Anwalt zur Last gelegten Skrupellosigkeiten durch weitere Zeugenaussagen erhärtet werden.

          Denn einstweilen kann sich der angegriffene, an seine Schweigepflicht gebundene Anwalt ja nicht wehren. Ohnehin sind es Richter, nicht Anwälte, die die Evolution des immer fintenreicher werdenden Arbeitsrechts vorantreiben. Wallraffs eigene Finte, sein dramaturgischer Kunstgriff gleichsam, besteht darin, Recht für Gerechtigkeit nehmen zu wollen und in die moralische Flanke hineinzustoßen, die sich dann öffnet. Es ist aber bekanntlich etwas anderes, recht zu haben und vor Gericht recht zu bekommen. Diesen Preis unseres Rechtssystems ist Wallraff ausdrücklich nicht bereit zu zahlen.

          Bei den „Anwälten des Schreckens“

          Mit seiner Geschichte aus der Welt des ungerechten Rechts setzt er vielmehr darauf, seinerseits an der Evolution des Rechts mitzuschreiben. Tatsächlich entwickelt sich ja auch das Arbeitsrecht nicht unabhängig von dem Gerechtigkeitsbegriff, der sich in einer Gesellschaft breitmacht. Ob dieser Begriff breitenwirksam eher von den Ideologemen Hans-Olaf Henkels oder jenen Günter Wallraffs besetzt wird, ist juristisch nicht etwa folgenlos, sondern hinterlässt à la longue auch in der Rechtsprechung Spuren. Wallraff unterstreicht, wenn er hier die Methoden der „Anwälte des Schreckens“ vorführt (Einsatz von Detekteien, Zermürbungstaktiken, die auf psychische und physische Erschöpfung zielen), auf seine Weise die Reformbedürftigkeit eines Arbeitsrechts, das Kündigungen wegen Bagatellen erlaubt und andererseits gegen Unfähigkeit im Dienst kaum ein juristisches Kraut wachsen lässt.

          Die meisten anderen der in diesem Buch versammelten verdeckten Reportagen las man in Kurzform schon im „Zeit-Magazin“, das den Autor von Bestsellern wie „Der Aufmacher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“ oder „Ganz unten“ verdienstvollerweise wieder auf die Spur gesetzt hatte. So machte sich Wallraff wieder auf: als Verkäufer von Systemlottoscheinen in einem Callcenter; als Niedriglöhner in einer Fabrik, die für Lidl Aufwärmbrötchen backt; als Obdachloser auf Deutschlands frostigen Straßen; als afrikanisch maskierter Lockvogel für rassistisches Ressentiment (obwohl eine professionelle Maskenbildnerin am Werk war, hat die afrikanische Maskerade doch etwas Unvollkommen-Karnevaleskes, geradezu rassistisch Aufreizendes). Der dabei mit versteckten Miniaturkameras und Mikrofonen gedrehte Film „Schwarz auf Weiß“ läuft jetzt in den Kinos an.

          Schuhwichse und Manichäismus

          Alles, was man gegen Wallraff vorbringen kann, ist hundertmal vorgebracht worden: dass man bei dieser Art Recherche stets das findet, was man sucht; dass Konflikte am Arbeitsplatz, zu denen gelegentlich auch zwei Seiten gehören, ausschließlich gegen die Arbeitgeberseite gewendet werden; dass das Ganze nur funktioniert vor einem manichäischen Hintergrund, der Gut auf Böse und Schwarz auf Weiß treffen lässt. Wallraff hält dem sein schlichtes „Ich werde gebraucht“ entgegen: „Die Zustände haben sich so verschlimmert, dass ich zu meinen Anfängen zurückkehren und wieder ganz von vorn beginnen muss. Leider macht diese spezielle Art von Arbeit außer mir ja auch kaum ein anderer, also es gibt keine Nachfolger, wenn man mal von Markus Breitscheidel mit seinem Buch ,Arm durch Arbeit' absieht.“ Auch hier gilt: Alles muss man alleine machen.

          Dass einer auf so unbeirrbar antiquierte Weise den Wallraff gibt, wahlweise mit falschem Bart, Halskrause oder schwarzer Schuhwichse im Gesicht die Welt verbessern will, mit denselben Glaubenssätzen wie vor vierzig Jahren sich nach Deutschland einschleicht - das wirkt heute wieder verblüffend frisch. Liegt es daran, dass der mediale Enthüllungs-, Geständnis- und Erregungszwang inzwischen total geworden ist und nicht mehr ohne weiteres verfängt? Dass Gesellschaftskritik zynisch blockiert ist? Wie die „Augsburger Puppenkiste“ unter lauter Plastikpuppen und ein Oldtimer zwischen all dem windkanalgestylten Blech wieder zum Renner werden, so verschafft Günter Wallraff zwischen ordinären Enthüllungsshows und akademischen Gerechtigkeitsveranstaltern den Gebeutelten von 2009 Gehör. „Die neue Welt ist überhaupt nicht schön“: Wallraff, eine Institution der alten Bundesrepublik, meldet sich mit diesem Buch auf seine Planstelle zurück.

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