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: Grzimek, Björk und Afrika

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Wer ein Buch wie den "Weltensammler" geschrieben hat, fünfhundert kolossale, schicksalsmächtige, schwindelerregende, schweißtreibende, schwer im Magen liegende Seiten Selbstkasteiung, darf sich danach leichtere Kost gönnen. Hier ist sie nun: ein schmaler Band mit diesem und jenem aus dem Schaffen ...

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          Wer ein Buch wie den "Weltensammler" geschrieben hat, fünfhundert kolossale, schicksalsmächtige, schwindelerregende, schweißtreibende, schwer im Magen liegende Seiten Selbstkasteiung, darf sich danach leichtere Kost gönnen. Hier ist sie nun: ein schmaler Band mit diesem und jenem aus dem Schaffen Ilija Trojanows, gemischt aus verschiedenen Genres, geschrieben zu unterschiedlichen Anlässen, zusammengestellt ohne zwingenden Zusammenhang, eher Pointillismus als großflächige Malerei.

          Es sind bei weitem nicht alles Reportagen, wie es der Titel verspricht, sondern Trouvaillen aus der Weltwunderkammer, Reiseerlebnisse, Jugenderinnerungen, Begegnungen mit Mensch und Tier, Brandreden auf die Kolporteure von Klischees, Texte über die zeitgenössische indische Literatur, kleine Essays über große Vorbilder wie Richard Kapuscinski, manches wunderbar, anderes beiläufig bis zur Belanglosigkeit. Doch eines ist erstaunlich: Natürlich hat dieses Buch den Hautgout eines Resteessens, einer Armenspeisung als "Weltensammler"-Nachschlag mit den Brosamen der literarischen und journalistischen Produktion Trojanows. Und trotzdem macht es Appetit auf die Welt.

          Trojanows Stärke ist das Eingeständnis seiner Schwäche. Er weiß, dass er den entfesselten Globus als großes Ganzes gar nicht begreifen kann. Deswegen vertraut er allein der Wahrhaftigkeit des Details, nicht irgendeinem Dogma der Globalisierung. Er ist immer Empiriker, niemals Ideenspekulant. Er braucht Beweise und sammelt sie mit den eigenen Händen ein, sei es in den Vorortzügen von Bombay, sei es in den Gerichtssälen des postsozialistischen Bulgarien. Es ist die Demut dessen, der die Welt kennt und sich längst den Hochmut verbietet, sie durchschauen zu wollen. Der Demütige trinkt in den Slums der ugandischen Hauptstadt Kampala Bier aus großen Kesseln mit den Zerlumpten und lernt dabei mehr als bei jedem Staatsempfang - und mit ihm der Leser, der nun weiß, warum die Einsamkeit das größte Unglück der Afrikaner ist.

          Die Achtung vor den Menschen, auch den elendsten, ist Trojanows Schutzwall gegen die Arroganz, mit der sich andere Weltreisende so gerne panzern. Nur einmal gibt er sich eine Blöße, auf einer Kreuzfahrt im Indischen Ozean. Unverhohlen zeigt er seine Geringschätzung der Gäste an Bord, Hohn und Spott schüttet er über sie aus, weil sie sich nicht so bedingungslos für die Welt interessieren wie er und sich damit begnügen, sie durchs Bullauge zu betrachten. Trojanow aber, der sich als Zetetiker bezeichnet, als skeptischen Forscher, will nicht glotzen und nichts bewundern wie die Touristen; er will wissen, wie es ist. Sein Furor für die Fremde raubt ihm die Großmut, auch andere Wege ins Reiseglück anzuerkennen. Dabei ist die Vorstellung kein schöner Gedanke, wie voll es an Kampalas Bierkesseln wäre, wenn alle Menschen so reisten wie Trojanow.

          Meistens ist seine stilistische Grundstimmung eine Lakonie, die manchmal fast spröde wirkt. Er verweigert sich jeder Folklore, scheint die Exotik um ihn herum gar nicht mehr zu bemerken; er kennt kein naives Staunen und übergeht all das, was andere, ungeübtere Beobachter sofort sehen, leuchtende Farben, chaotischen Verkehr, das Übliche eben. Denn die Ferne, Asien und Afrika vor allem, ist für ihn, der dort so lange gelebt hat, nichts anderes als Heimat. Er bewegt sich mit größter Selbstverständlichkeit in der Savanne, in der Wüste, im Dschungel, weil er kein Fremder in der Fremde ist. Und er leiht uns seinen nüchternen, vertrauten Blick auf sie. Das ist sein Gastgeschenk an die wirklich Fremden.

          Sein Zuhause nimmt er dabei immer in Schutz, etwa, wenn er den Stab über Bernhard Grzimek bricht, der in Europa göttergleich verehrt wird als Retter der Schöpfung, in Wahrheit aber ein Kolonialist erster und Rassist zweiter Güte war, weil er das Wohl der wilden Tiere höher achtete als das der eingeborenen Menschen - obwohl diese in ein paar Jahrtausenden Siedlungsgeschichte weniger Schaden in der ostafrikanischen Natur anrichteten als europäische Kolonialisten in zwei Generationen. Ebenso wenig Gnade findet die isländische Sängerin Björk, die nach Mali reist, um dort mit dem berühmten Musiker Toumani Diabaté ein Lied einzuspielen, und ihn doch nur als Staffage für ihre eigene polyglotte Attitüde missbraucht. Seine Musik und die Kultur, die sie hervorbringt, interessieren sie nicht. Für Björk ist das Gezupfe von Diabatés Kora nur Spielerei. Für Trojanow ist die ganze Welt keine Spielerei. Ihm ist es ernst mit ihr.

          Ilija Trojanow: "Der entfesselte Globus" -

          Reportagen. Carl Hanser Verlag, München 2008. 196 S., geb., 17,90 [Euro].

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