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Bowersocks „Wiege des Islam“ : Ein Prophet in turbulenter religiöser Landschaft

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Zeitloser Anblick: Charles-Théodore Frères Gemälde „Große Karavane von Mekka“ Bild: Picture-Alliance/Heritage Images

Von wegen geschichtslos: In „Die Wiege des Islam“ macht Glen W. Bowersock auf bündige Weise mit dem vorislamischen Arabien bekannt. Es ist ein schmales Buch, doch es hat es in sich.

          Die Arabische Halbinsel, so noch immer eine landläufige Meinung, sei ein weitgehend „geschichtsloser“ Raum gewesen, bevor Mohammed Ibn Abdallah, der arabische Prophet (571–632), den Islam gestiftet und damit Bewegung in die Geschichte dieses Subkontinents gebracht habe. Schon lange weiß man, dass diese Auffassung falsch ist, im Grunde nur auf das innerste Innere der Halbinsel zutrifft, wo Wüsten und Einöden wie die Nefud, die Rub al Chali und die Dahna sich als extrem menschenfeindliche Regionen darbieten. Auch der von den Muslimen verwendete Begriff der „Dschahiliya“, des religiösen Unwissens, das vor dem Auftauchen des Islams geherrscht habe, hat wohl zu dieser Ansicht geführt, die schon von der Bibel widerlegt wird. Dort ist vom Königreich der Sabäer die Rede, das in der Südwestecke Arabiens lag; und die Königin von Saba, Belkis, hatte eine Affäre mit dem weisen König Salomon. Auch der Koran kennt diese Geschichte.

          Über die teilweise turbulenten Entwicklungen des vorislamischen Arabiens informiert der amerikanische Althistoriker Glen W. Bowersock, der vor seiner Emeritierung am Institute of Advanced Study in Princeton forschte. Es ist ein schmales Buch, zudem ohne Anmerkungen, doch es hat es in sich. Sieht man einmal von den Kulturen Arabiens in vorchristlicher Zeit, den Minäern etwa, ab, so stellt sich die Geschichte arabischer Landschaften wie Jemen, Asir, Hedschas, dazu Arabiens Norden, auch in späteren Epochen alles andere als „geschichtslos“ dar. Bis zum Auftreten Mohammeds und der staunenswerten Ausbreitung seiner Lehre unmittelbar nach seinem Tod standen diese Regionen im Brennpunkt teilweise erbitterter Rivalitäten regionaler und großer Mächte. Diese Ereignisse erhellen auch manches über die religiöse Situation vor dem Islam, eine Thematik, die lange schon auch die westlichen Islam- und Religionswissenschaftler beschäftigt, mit teilweise disparaten Ergebnissen. Vieles, was Bowersock bringt, ist nicht neu, doch in dieser Konzentration und Dichte sehr aussagekräftig. Es war ein chaotisches Umfeld, in dem die neue Religion entstand und wuchs. Dies zu zeigen, ist sein eigentliches Anliegen.

          Glen W. Bowersock: „Die Wiege des Islam“. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen. Aus dem Englischen von Rita Seuß. Verlag C. H. Beck, München 2019. 160 S., Abb., geb., 22,– Euro.

          Christentum, Judentum, „paganer Monotheismus“ und „Heidentum“ kennzeichnen nach Bowersock die durchaus entwickelte und bewegte religiöse Landschaft der damaligen Zeit. Unter ihrem König Abraha (um 650) hatten die Äthiopier den Jemen erobert und beherrscht – der zuvor von Königen regiert worden war, die dem Judentum anhingen. Abraha versuchte sogar vergeblich, wie der Koran berichtet, Mekka einzunehmen, nach Bowersock ein lange bereits bekannter „heiliger Ort“, in dem in der Kaaba das alt-arabische Pantheon verehrt wurde, und auch ein wichtiger Handelsplatz. Selbst wenn er die These des belgischen Islamwissenschaftlers Henri Lammens zurückweist, Mekka sei eine blühende Handelsrepublik gewesen. Nach dem Scheitern der christlichen Äthiopier geriet die Region unter den Einfluss der sassanidischen Perser, die ihrerseits mit Byzanz rivalisierten. Im Jahr 614 hatten sie Jerusalem erobert. Dies war die Lage zu Lebzeiten des islamischen Propheten.

          Mit anderen Worten: Das vorislamische Arabien war bereits Generationen vor Mohammed ein Teil der antiken Welt, deren religiöse Vorstellungen eingeschlossen. Byzantinisches Christentum, Judentum, die Lehre Zarathustras, das monophysitische Christentum der Äthiopier, der altarabische Paganismus und der von einzelnen paganen Gottsuchern (Hanifen) praktizierte Monotheismus waren so sehr verbreitet, dass Mohammed gediegene Kenntnisse von ihnen gehabt haben muss. Wie eng dies alles zusammenhing, machte nach Bowersock schon jene „kleine Hidschra“ deutlich, welche die junge Gemeinde des Islams nach Äthiopien (Abessinien) unternahm, um den Nachstellungen der mekkanischen Landsleute Mohammeds zu entgehen. Bei den Äthiopiern war man sozusagen auf vertrautem religiösem Gelände, ihr König fand Mohammeds Lehre anziehend.

          Die im Jahr 622 vollzogene „große Hidschra“ von Mekka nach Medina markiert dann den eigentlichen Beginn eines strukturierten Gemeindelebens und den Anfang der Zeitrechnung des Islams. In der teils friedlichen, teils militärischen Auseinandersetzung mit den heidnischen Mekkanern, jüdischen Gemeinden, christlichen Lehren und rivalisierenden arabischen „Propheten“, deren Anzahl nicht gering war – die islamische Tradition kennt beispielsweise den „Lügenpropheten“ Musailima –, obsiegte schließlich Mohammed. Zehn Jahre nach seinem Tod hatten Muslime weite Teile Vorderasiens unter ihre Herrschaft gebracht, freilich nicht als Unbekannte wie ein kriegerischer Sturmwind aus den Wüsten hervorgebrochen (auch dies ist nach Bowersock ein altbekanntes Stereotyp), sondern als Teil von Auseinandersetzungen unter den Mächten, die sich – wie Byzanz und Persien – auch wechselseitig geschwächt hatten.

          Mit der Omajjaden-Dynastie verloren Mekka und Medina nach dem Ende des ersten Bürgerkrieges an Bedeutung. Der Schwerpunkt muslimischer Herrschaft verschob sich endgültig nach Norden, nach Damaskus, Syrien und Palästina. Dort herrschte nun der Islam, freilich über ein Reich, das multireligiös war. Der Islam wurde dort nicht „mit Feuer und Schwert“ verbreitet. Noch der Kalif Abd al Malik erbaute in Jerusalem den „Felsendom“ als ein Symbol der drei Monotheismen, die im Reich der Omajjaden praktiziert wurden. Der bekannte Islamwissenschaftler Julius Wellhausen nannte dieses Reich denn auch zu Recht ein „arabisches“, nicht ein muslimisches.

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