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: Glauben ist unnütz

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Im Vorwort seiner Sammlung philosophischer Aufsätze über Themen der christlichen Tradition erläutert Robert Spaemann eine Absicht, die das Buch auch für Ungläubige interessant machen soll. Er will den Unterschied von Innen- und Außenperspektive bewahren. Die Religion soll ihr Selbstverständnis nicht ...

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          Im Vorwort seiner Sammlung philosophischer Aufsätze über Themen der christlichen Tradition erläutert Robert Spaemann eine Absicht, die das Buch auch für Ungläubige interessant machen soll. Er will den Unterschied von Innen- und Außenperspektive bewahren. Die Religion soll ihr Selbstverständnis nicht ohne Not den Theorien über ihre Nützlichkeit anpassen, die die Religionswissenschaft in die säkulare Welt gesetzt hat. Der Gläubige, der darauf besteht, dass sein Glaube einen Sinn hat, der in den Funktionen der Entlastung und Orientierung nicht aufgeht, leistet der Verdinglichung Widerstand und verteidigt das Palladium der Subjektivität.

          Nicht alle Denker, die Spaemann als Zeugen aufruft, würden ihre Perspektiven in seinen Paraphrasen ohne weiteres wiedererkennen. So behauptet er, den späteren Kardinal John Henry Newman habe, als er 1846 als Anglikaner den Mailänder Dom besuchte, das "traditionelle katholische Identitätsverständnis" gerade "wegen seines Pluralismus und Individualismus" beeindruckt. Spaemann zitiert einen Brief, in dem Newman das Nebeneinander vielfältiger frommer Handlungen in der Kathedrale schildert und die Kirche als "eine Welt" deutet, in der jeder Einzelne "seinen eigenen Angelegenheiten" nachgeht, die dennoch eine gemeinsame Sache bilden.

          Was der spätere Konvertit im normalen liturgischen Alltag einer der prächtigsten Kirchen der Christenheit sah oder sehen wollte, entspricht nun aber nicht dem, was im modernen politischen Vokabular und auch in der heutigen Theologie als Pluralismus und Individualismus bezeichnet wird. Die Meinungen, dass es eine Vielzahl gleichberechtigter Wahrheiten gebe und dass jeder Einzelne seinen persönlichen Weg zum Heil finden müsse, hielt Newman als Anglikaner wie als Katholik für Irrlehren, die er unter dem Begriff des Liberalismus zusammenfasste. Dass die Priester, die im Dom ihre stillen Messen feiern, und die Laien, die im Vorübergehen Kerzen anzünden, aufeinander scheinbar keine Rücksicht nehmen, ist keine bewusste Haltung. Die Pluralität individueller Frömmigkeitsübungen stellt sich sozusagen hinterrücks her; für das programmatische Moment gemeinschaftlicher Praxis, das mit dem Suffix "-ismus" markiert wird, ist kein Raum, wo die Wahrheitsfrage nicht zur Debatte steht, weil die Antwort von der Institution garantiert wird.

          Ungefähr sagt das Spaemann auch. Wenn er gleichwohl die moralischen Schönheiten der von Newman noch von außen gesehenen Lebensform auf Ideologiebegriffe bringt, liegt dieser Wortwahl ein zweifaches polemisches Interesse zugrunde. Der Autor richtet sich an die kirchliche und die weltliche Öffentlichkeit. Newmans Mailänder Dom, von wunderbar geordnetem Gewimmel gefüllt, ist als Inbild der alten, unter Paul VI. reformierten Liturgie gedacht. Spaemann führt Newman einige Seiten später noch einmal an, mit der These, die Kirche habe in ihrer Geschichte nie einen Ritus abgeschafft. Dem Leser wird an dieser Stelle die Domszene noch im Gedächtnis sein, und er wird vielleicht nicht darüber nachdenken, dass zum Zeitpunkt von Newmans Besuch in diesem Kirchenraum keineswegs verschiedene Ritusordnungen gleichzeitig gepflegt wurden.

          Übrigens kann ein entsprechend disponierter Besucher auch in der Sonntagsmesse einer heutigen Großstadtpfarrei den Eindruck zwangloser Harmonie von Varianten inniger Zwiesprache mit Gott empfangen, wenn vorne die Gaben zum Altar gebracht werden, während sich hinten die Kinder versammeln, wenn die einen jedes Zeichen des vom Priester in Körpersprache übersetzten Vaterunser mitmachen, die anderen sich auf die traditionellen Verrichtungen beschränken und wieder andere die ganze Zeit über andächtig stehen.

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