https://www.faz.net/-gr3-a0oc4

Aluhut mit Stricknadel bei einer Kundgebung vor der Frankfurter Paulskirche Bild: dpa

Buch zu Verschwörungstheorien : Der Glaube an die Lüge

Alle reden von Verschwörungstheorien – aber ist das nicht ein ganz falsches Wort? Zwei Autorinnen schlagen neue Begriffe für das Phänomen vor, das durch Corona eine neue Blütezeit erlebt.

          2 Min.

          Angela Merkel sei die Tochter von Adolf Hitler – so lautet eine Behauptung, an die mehr Leute glauben, als man sich das vorstellen mag. Aber ist jemand, der solchen Unsinn verbreitet, wirklich ein Verschwörungstheoretiker? Was die so Genannten als Beleidigung auffassen, ist noch zu viel der Ehre, befinden die Netzaktivistin Katharina Nocun und die Psychologin Pia Lamberty in ihrem Buch „Fake Facts“: Wer die Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, als Theorie bezeichnet, gibt ihr den Anschein von etwas Wissenschaftlichem. Dabei ist nicht jede Behauptung eine Theorie. Manches ist einfach nur eine Lüge.

          Nocun und Lamberty schlagen neue Begriffe vor, die im Gegensatz zur Lüge die Möglichkeit berücksichtigen, dass die Behauptung noch nicht widerlegt sein könnte. Das ist sinnvoll, denn wie soll man widerlegen, dass Echsenmenschen derzeit gegen Klone kämpfen, und zwar in unterirdischen Gängen, die von Europa nach Amerika reichen? Diese Behauptung kursiert tatsächlich. Die Autorinnen prägen den Begriff des „Verschwörungsmythos“, mit dem sie übergeordnete Narrative beschreiben. Darunter fällt etwa die antisemitische Legende von der angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“. Wer in einschlägigen Gruppen mitliest, findet den immer wiederkehrenden Dialog: „Aber warum sollte jemand so etwas tun? Und wer?“ – „Die Juden sind das, sie wollen die Weltherrschaft.“

          Zudem führen Nocun und Lamberty den Begriff der „Verschwörungserzählung“ ein. Dieser bezeichnet eine konkrete Geschichte wie die von den Echsenmenschen oder den Klassiker, die Mondlandung habe nie stattgefunden. Wer so etwas verbreitet, verdient den Namen „Verschwörungstheoretiker“ nicht. In „Fake Facts“ heißt er „Verschwörungsideologe“ – eine deutlich bessere Bezeichnung gerade angesichts der Tatsache, dass diese Ideologen keine harmlosen Irren sind, sondern oftmals in großem Stil Hetze betreiben.

          Katharina Nocun und Pia Lamberty: „Fake Facts“.

          Hierzu bietet das Buch einen umfassenden Überblick und geht auch auf die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Zeit ein. Die Autorinnen beschreiben, wie Youtube zur Verschwörungsplattform wurde, und erklären, warum in solchen Krisenzeiten, die für viele Menschen Unsicherheit und Kontrollverlust bedeuten, die Empfänglichkeit für erlogene Geschichten besonders groß ist. Denn das Phänomen ist psychologisch besser untersucht, als die öffentliche Wahrnehmung von „diesen Irren“ vermuten lassen würde. Dass es eine regelrechte Verschwörungsmentalität gibt, die Menschen dazu veranlasst, sogar einander widersprechende Geschichten zu glauben, solange man ihnen nur sagt, dass sie damit einer Minderheit angehörten, erklärt manche Auswüchse.

          Das Bewusstsein, besonders zu sein und auf der Seite derjenigen zu stehen, die es immer schon gewusst haben, gehört fest zum Selbstbild der Verschwörungsideologen. So fest, dass sie es nicht loslassen wollen, wie folgendes Beispiel illustriert: Eine Frau aus einem Vorort von Chicago hatte 1954 ein kleines Grüppchen um sich geschart mit der Behauptung, eine Flut werde alle Menschen töten. Ein Ufo werde aber diejenigen retten, die ihr glauben. Es gab ein festes Datum, aber weder Aliens noch Überschwemmungen zeigten sich. Da sich Forscher in die Gruppe eingeschleust hatten, sind die Reaktionen der Anhänger bekannt: Wenige strichen enttäuscht die Segel, einige ließen sich immer wieder aufs Neue vertrösten und schließlich sogar einreden, ihr starker Glaube habe die Welt gerettet. Sie waren derart überzeugt von dieser neuen Lüge, dass sie sogar darüber sprachen, die Medien davon in Kenntnis zu setzen.

          Wo es so konkret wird, ist „Fake Facts“ besonders lehrreich. Denn es gehört zum Nachdenken über Verschwörungserzählungen, den Grad an Absurdität derselben miteinzubeziehen. Ob man sich mit dem Gedanken wohl fühlt oder nicht: Dass sich ein nicht zu vernachlässigender Teil der Gesellschaft von jeglicher Ratio abkoppelt, ist ein Phänomen, das man im Auge behalten sollte. Nicht nur akademisch, sondern auch persönlich. Die Autorinnen geben Empfehlungen, wie man auf Betroffene im Bekanntenkreis reagieren sollte – und keine davon lautet, sie zu ignorieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hunderte Deutsche hatten am Freitagabend ohne Gesichtsschutz wie in den Zeiten vor der Corona-Pandemie gefeiert.

          „Covid-Partys“ auf Mallorca : Sorge vor einer Tourismusphobie

          Angesichts der Zunahme der Corona-Neuinfektionen führen drei der beliebtesten Urlaubsziele in Spanien die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit ein. Damit soll auch der Ruf der Touristen verbessert werden, der zuletzt wegen „Covid-Partys“ auf Mallorca gelitten hat.

          Donald Trump und die Wahrheit : Der Lügenpräsident

          Verzerrungen, Halbwahrheiten, Übertreibungen: Ein Team der „Washington Post“ hat Donald Trumps Falschaussagen seit seiner Amtseinführung dokumentiert. Es kommt zu einem erschütternden Befund.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.