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Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin : Gute Ärzte kann man nicht einfach herstellen

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Bild: Verlag

Medizin und Ethik sind praktische Wissenschaften: Giovanni Maio führt exemplarisch vor, wie beide zum Wohl des Patienten eingesetzt werden können.

          Ein treffender Titel, keine sedierende Rhetorik, kein falsches Pathos: Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio stellt seine umfassende Darstellung unter den Blickwinkel des gelingenden Lebens. Längst überfällig, füllt sie eine Leerstelle auf dem Markt medizinethischer Kompendien, deren Mehrzahl sich in der Erörterung erschöpft, wie die Selbstbestimmung der Patienten im Alltag der Medizin sichergestellt werden kann. Auch Maio will niemandem das Selbstbestimmungsrecht streitig machen. Doch weiß er, dass autonome Wünsche von Patienten den Zielen der Medizin widersprechen können. Und er ist sich der Asymmetrie der Beziehung zwischen dem Leidenden und seinen Helfern bewusst. Auch das ausgeklügelste Patientengesetz wird nicht die Tatsache aus der Welt schaffen, die den amerikanischen Bioethiker Eric Cassell zu der Bemerkung veranlasste, der schlimmste Feind der Selbstbestimmung sei die Krankheit.

          Die Autonomie des Individuums ist eine wohlüberlegte Fiktion. Unter den Bedingungen endlichen Lebens, im Geflecht der Beziehungen, in besonderer Weise jedoch im Angesicht bedrohlicher Krankheit, muss sie im Dialog mit dem Kranken oder seinen Vertretern an das Licht gebracht werden. Hier ist sokratische Hebammenkunst gefragt. Unter solchem Blickwinkel kann das Arzt-Patient-Verhältnis nicht auf ein reines Vertragsverhältnis reduziert werden. Das Angewiesensein des Kranken auf Hilfe droht im blinden Fleck einer bloß formalen Achtung des Selbstbestimmungsrechts zu verschwinden. Wie man es auch dreht und wendet, auch der kranke Mensch ist, mit David Brooks zu sprechen, ein soziales Tier, und Selbstbestimmung ist eben auch heteronom. „Daher kann das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auch nicht ausschließlich in der Sprache der Patientenrechte erfasst werden.“

          Wohlwollen als Bedingung

          Die Problematik begegnet nicht zuletzt im Blick auf die Prüfung der Authentizität eines Patientenwunsches, die Maio für unerlässlich erachtet. In Krisen erweisen sich die Willensäußerungen von Personen als höchst ambivalent, wie jeder im Medizinbetrieb Tätige täglich erlebt, der etwa Patienten am Lebensende betreut. Autonomie sei, so Maio, „oft ein Prozess des Sich-ins-Verhältnis-Bringens“. Dabei übersieht er nicht die Gefahr, mit seiner Forderung, die Wohlüberlegtheit der Patientenwünsche zu hinterfragen, einen längst überholten Ärztepaternalismus hoffähig zu machen. Doch wenn auch die Abgrenzung zur Bevormundung im Einzelfall schwierig sein mag, die Betrachtung der Bedingungen der Möglichkeit, eine autonome Entscheidung zu treffen, ist im klinischen Alltag unumgänglich. Mit den philosophischen Debatten bis in jüngste Zeit ist Maio vertraut und kann sich daher nicht zuletzt auf die Rechtfertigung eines legitimen Paternalismus eines Gerald Dworkins berufen.

          Die Lösung medizinethischer Konflikte verlangt die Abwägung nicht selten gegenläufiger Anforderungen ethischer Prinzipien wie etwa der Fürsorgepflicht, der Gerechtigkeit und der Achtung der Selbstbestimmung. Die Beachtung von Pflichten und die Befolgung utilitaristischer Kalküle mögen hilfreich sein, genügen aber nicht. Das Wägen braucht eine Verankerung in einer Perspektive, die das Gelingen des Lebens (und Sterbens) in den Blick nimmt. Und für die motivationale Seite des Handelns bedarf es der Tugend des Wohlwollens. Ohne die sind gute Ärzte nicht zu haben.

          Inklusion ökonomischen Denkens

          Mit großer Sachkenntnis und erfreulicher Klarheit unter Vermeidung eines verbreiteten Ethikjargons führt der Autor in die philosophischen und historischen Grundlagen einer Medizinethik ein. Die alltäglichen medizinethischen Konflikte werden an einer Fülle von Beispielen aus Klinik und Forschung illustriert. Die Kasuistik erdet die Ausführungen und belegt den besonderen Status der Medizin, die eben nicht nur eine Anwendungswissenschaft ist. Was immer in der Medizin geschieht, es wird gehandelt, und sei es durch Unterlassen einer der stets noch technisch effektiven, aber nicht mehr sinnvollen Behandlungen.

          Medizin und Ethik sind praktische Wissenschaften. Giovanni Maio führt vor, wie Letztere der Ersten segensreich zur Hand gehen zu vermag. Dabei umreißt er das Spektrum medizinethischer Konfliktfelder nahezu vollständig, von der Sterbehilfe bis zu den Problemen der Forschung am Menschen, vom Streit um die Präimplantations- und Gendiagnostik bis hin zu den ethischen Herausforderungen in der Psychiatrie, die unsere Anschauung von der Freiheit der Person - sofern sie denn nicht von Hirnphysiologen überhaupt bestritten wird - berühren. Ein Zukunftsthema der Medizinethik ist das Verhältnis zur Ökonomie. Dies wirft unmittelbar Fragen nach den Zielen der Medizin auf. Es kann nicht angehen, Medizin und Ökonomie in einer falschen Polarisierung gegenüberzustellen. Ökonomisches Denken ist ein konstitutiver Bestandteil der Ethik, betont Maio. Der sorgsame Gebrauch der Mittel ist ein Gebot der Gerechtigkeit. Doch beklagt Maio, wie der Markt sukzessive die Medizin zu unterwandern scheint. Ein Diktat der Gewinnmaximierung dürfe nicht zum „identitätsstiftenden Moment“ medizinischer Einrichtungen erhoben werden.

          Bei einem Werk, das ein so weites Spektrum medizinethischer Felder umreißt, können Desiderate nicht ausbleiben. So hätte man sich im Blick auf aktuelle Entwicklungen eine eingehendere Diskussion des Hirntods und der Transplantationsmedizin gewünscht - das Kapitel ist knapp geraten im Vergleich zu der ausgewogenen Darstellung anderer Themen. Solche Unzulänglichkeiten sind aber zu vernachlässigen angesichts des großen, gut lesbaren Wurfs, der Maio gelungen ist. Gute Ärzte kann man nicht einfach herstellen. Aber man wünscht sich, dass Maios Buch den Absolventen der Medizin mit der Approbation überreicht werde. Und auf den Bücherregalen erfahrener Ärzte und Hochschullehrer sollte es nicht fehlen.

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