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Gigerenzer / Gray: Eine bessere Arzt-Patienten-Beziehung : Es fehlt an Aufklärung auf beiden Seiten

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Bild: Verlag

Ein Manifest für bessere Ärzte: Gerd Gigerenzer und Muir Gray stellen die medizinische Bildung auf den Prüfstand und erklären, warum desorientierte Patienten von vorgestern sind.

          4 Min.

          Angesichts des demographischen Wandels sind die Gesundheitssysteme der westlichen Industrienationen einem steigenden Kostendruck ausgesetzt. Die Devise muss nun lauten: Mit weniger Ressourcenverbrauch ein Mehr an Gesundheit zu schaffen. Das Ernst Strüngmann-Forum beschäftigte sich vor zwei Jahren auf einem Symposion mit der Frage, wie ein patientenzentriertes Gesundheitswesen im Jahre 2020 aussehen könnte. Gerd Gigerenzer und Muir Gray haben die auf Englisch abgefassten 19 Beiträge im vorliegenden Band als ein überaus faktenreichen und wissenschaftlich tiefschürfenden Gesamtwerk herausgegeben.

          Eines der Schwerpunktthemen beschäftigt sich mit der Konzeption und korrekten Durchführung von wissenschaftlichen Studien und der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse in den Publikationsorganen. Das 21. Jahrhundert müsse das Jahrhundert der medizinischen Bildung werden, so Gigerenzer: Ein effizientes Gesundheitswesen verlange sowohl besser gebildete Ärzte als auch besser gebildete Patienten.

          Teure und unnötige Untersuchungen

          In den Vereinigten Staaten wie auch hierzulande hänge es derzeit vor allem vom Angebot der pharmazeutischen Industrie und weniger von den Bedürfnissen des Patienten ab, wie behandelt würde. Ärzte und noch weitaus mehr Patienten sähen sich oft nicht in der Lage, angemessen mit dem verfügbaren Wissens- und Erfahrungsschatz umzugehen, den die medizinische Wissenschaft bereitstellen würde. Für den Missstand seien Interessenkonflikte, unausgewogene und unvollständige Publikationen von Forschungsergebnissen, verkürzte oder fehlerhafte Medienberichterstattungen, aber auch mangelnder ärztlicher Kenntnisstand über grundlegende statistische Zusammenhänge verantwortlich.

          Mehrere Beiträge beklagen, dass die desorientierten Patienten oft auf teuren und unnötigen Untersuchungen beharrten. Kostengesichtspunkte seien ihnen gleichgültig. Beispielsweise habe man in den Vereinigten Staaten bei zehn Millionen Frauen sogenannte PAP-Abstrichuntersuchungen im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen gegen ein Cervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs) vorgenommen, was schon deshalb abwegig sei, weil bei diesen Frauen vorher die Gebärmutter entfernt worden war. Derartige unnötige PAP-Untersuchungen würden aber unverständlicherweise keinen Grund für Klagen der Patienten darstellen, obwohl damit viele Millionen an Dollars verprasst würden. Wie ist das möglich? Weil Patienten nicht ausreichend informiert sind und so die Kompetenz vermissen lassen, überhaupt nur die richtigen Fragen zu stellen. Wobei Gigerenzers Maxime lautet: Es fehlt beim Wissen über Medizin nicht so sehr an „Informationen“ als vielmehr am Wissen darüber, auf welche Fragen die Informationen antworten.

          Die große Macht der Industrie

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