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: Getarnte Denkstörung

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In der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts notiert Johann Christian August Heyse in seinem Allgemeinen verdeutschenden und erklärenden Fremdwörterbuch über das Stichwort "Hyponchondria": "Plural, der Unterleib, eigentlich was unter dem Brustknorpel ist". Gemeint seien "Unterleibskränkelein, Milzkrankheit, Schwermütigkeit, Grillenkrankheit".

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          In der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts notiert Johann Christian August Heyse in seinem Allgemeinen verdeutschenden und erklärenden Fremdwörterbuch über das Stichwort "Hyponchondria": "Plural, der Unterleib, eigentlich was unter dem Brustknorpel ist". Gemeint seien "Unterleibskränkelein, Milzkrankheit, Schwermütigkeit, Grillenkrankheit". Der "Hypochondrist ist ein Milchsüchtiger, ein Bauchnervensüchtling" - alles klar?

          Der Verfasser ist alles andere als ein Deutschtümler, er erfaßt den Stand der Diskussion seiner Zeit und interessiert sich besonders für die alte Naturphilosophie. Die Bezeichnungen, die er zusammengetragen hat, könnte man sich gut bei Jean Paul vorstellen. Den Hypochonder selbst können wir uns noch viel besser in England vorstellen, und richtig, es wurde auch eine Zeitlang von der "Englischen Krankheit" gesprochen. Fragt man allerdings einen Deutschen, wer die größten Hypochonder Europas sind, dann wird er spontan antworten: die Italiener. Der Nachttreff in italienischen Städten für besser angezogene Herrn jeden Alters war lange Zeit die Apotheke, an kleinen Tischchen probierten sie unter den mitleidsvollen und sachverständigen Blicken des Apothekers Tabletten aus - die Apotheke als öffentlicher Raum. Inzwischen sollen wir Deutschen den Italienern in Sachen Hypochondrie den Rang abgelaufen haben. Wir seien "Arztbesuchseuropameister", heißt es. Was die Krankheiten betrifft, gibt es allerdings entsprechend den Nationalcharakteren Verschiebungen: Ist in Frankreich und Italien "die Leber" die "Verlegenheitsdiagnose" Nummer eins, so in Deutschland das "romantische" Herz, oder früher der pseudowissenschaftliche Befund der "Vegetativen Dystonie".

          In der Sprache der Alltagspathologie mischen sich zwei Bewertungen des Hypochonders: einmal ein Vorwurf, den Molière auf die Formel "der eingebildete Kranke" gebracht hat, zum anderen eine Art seltsamer Hochachtung, die damit zu tun hat, daß zur Hypochondrie Muße zu gehören scheint. Man muß sich so eine Nervenkrankheit leisten können, sie riecht nach Fin de siècle und einer Welt schöner Überflüssigkeiten. Im Krieg gibt es keine Hypochondrie wie auch sonst kaum Neurosen: Die allgemeine Zerstörung ist so umfassend, daß das Individuum auf den "Luxus" seiner Individualzerstörung verzichten kann.

          Die von Bernd Nissen herausgegebene psychoanalytische Bestandsaufnahme zur Hypochondrie ist kein Unterhaltungsschmöker, nichts vom Genre "Neuroliteratur" à la Oliver Sacks, sondern ein streng seriöses Fachbuch, das sich mit einer Wahnkrankheit befaßt, die schwer zu behandeln ist, da sie sich körperlich "objektiv" larviert. Vielen Analytikern gilt sie als behandlungsresistent, und jedenfalls bedarf es einer "heroischen" Professionalität, um sie anzugehen. Für Fachleute wird Nissens Reader mit diversen Versuchen verschiedener psychoanalytischer Schulen, der Hypochondrie theoretisch beizukommen, und ausführlicher klinischer Fallberichte, unentbehrlich werden, gerade weil die Hypochondrie bisher eine Art terra incognita ist.

          Freud schrieb 1912 an Ferenczi, daß er "das Dunkel in der Hypochondriefrage immer als eine schwere Schande für unsere Bestrebungen empfunden" habe. Einiges hat sich mittlerweile aber doch geändert. Dem Begriff Hypochondrie fehlt zwar immer noch eine eindeutige klinische Definition, dafür gibt es, wie Christian Röder, Gerd Overbeck und Thomas Müller in ihrem historischen Überblick über das Krankheitsbild schreiben, mehrere überzeugende Erklärungsversuche.

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