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: Gestern oder im vierten Stock

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Jubiläen gebären Biographien, das ist im Falle des Münchner Originalgenies Karl Valentin nicht anders. Die letzte ernst zu nehmende Lebensbeschreibung stammt von Michael Schulte und erschien zum hundertsten Geburtstag 1982. Noch immer ist der Katalog zur im selben Jahr gebotenen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum eine Fundgrube.

          Jubiläen gebären Biographien, das ist im Falle des Münchner Originalgenies Karl Valentin nicht anders. Die letzte ernst zu nehmende Lebensbeschreibung stammt von Michael Schulte und erschien zum hundertsten Geburtstag 1982. Noch immer ist der Katalog zur im selben Jahr gebotenen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum eine Fundgrube. Beide Bücher fußen auf Wilhelm Hausensteins klassischer Würdigung der Masken Valentins. Matthias Biskupek lieferte 1993 eine Bildbiographie, in der er das Sächsische am Münchner preist (Valentins Mutter stammte aus Sachsen). Die bei Piper erschienene und von namhaften Kritikern gezauste Werkausgabe liegt auch schon wieder ein Jahrzehnt zurück; man kann nicht behaupten, sie habe zu einer Renaissance geführt.

          Ob die unlängst vom Bayerischen Rundfunk angekündigte Verfilmung von Valentins Leben - Olli Dittrich wird für die Hauptrolle erwogen: weil er Beckenbauer so gut nachmachen könne - zu einer Trendwende führen wird, bleibt abzuwarten. Pünktlich zum Hundertfünfundzwanzigsten liegt nun ein neuer biographischer Anlauf auf dem Gabentisch. Gedeckt hat ihn die Münchner Germanistin Monika Dimpfl, die mit Schulte das gleiche Schicksal teilt - beide waren Kinder, als Valentin 1948 vergessen und elend in Planegg starb.

          Das ist natürlich keinem Biographen vorzuwerfen, aber im Falle Valentins scheint die Beschäftigung auf Papier allein stets ein Gefühl des Ungenügens zurückzulassen (da müssen Filme und Hörbücher ergänzend zum Einsatz kommen). Die Verfasserin ist unter Valentinologen keine Unbekannte, sie hat auch über Liesl Karlstadt gearbeitet. Dimpfl geht also mit der gebotenen Orts- und Sprachkenntnis zur Sache. Vor allem die Art und Weise, wie sie die Vorstadt Au, in der Valentin Fey als Sohn eines gutbürgerlichen Möbelspediteurs aufwuchs, beschreibt, verrät Einfühlungsvermögen. Sie evoziert jenes mit dem Ersten Weltkrieg versunkene München, das - je ferner, je lieber - zur goldenen Zeit der Stadtgeschichte verklärt wird.

          Erstaunlich ist der Lebensweg des "Fey Vale": wie sich hier einer gegen die Konvention durchsetzt und beschließt, Volkssänger zu werden. Wie der Vater den Sohn dabei sogar unterstützt und ihm die vierhundert Mark für die viermonatige Ausbildung an der Münchner Varieté-Schule Lehmann & Grimm bezahlt. Von seinem ersten Engagement in Nürnberg schreibt er 1902 an die Eltern: "Mir geht es sehr gut. Ich bin unberufen sehr gesund und habe den ersten Abend Asthma bekommen." Noch im selben Jahr stirbt der Vater; die Versuche von Mutter und Sohn, die Spedition weiterzuführen, scheitern. 1904 wird Karl Valentin "Instrumentalkomiker", das Jahr darauf kommt die Tochter Gisela zur Welt, unehelich; seine Freundin Gisela Royes, die er erst später heiraten und zeitlebens mit einer Nebenfrau belasten wird, gibt das Kind zu ihren Eltern.

          Da Valentins Mutter vorübergehend in ihre sächsische Heimat zurückkehrt, tingelt der Sohn durch die dortige Provinz. Neben Berlin und Wien werden das so ziemlich seine einzigen Auslandsaufenthalte bleiben: Denn von München weg sein, das mochte er gar nicht. Heimweh ist nur eine seiner vielen Krankheiten, die der Asthmatiker und leidenschaftliche Hypochonder bekämpft und pflegt.

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