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: Gestern oder im vierten Stock

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Als Existenzgründer war Valentin nicht wählerisch. Mit künstlichen Palmen ("wie sie in Kamerun nicht schöner wachsen") scheiterte er ebenso wie mit seinem Orchestrion. Dass Valentin immer ein mutiger Geschäftsmann war, der sich nicht scheute, mit hohem finanziellem Risiko in neue Geschäftsfelder aufzubrechen, begründet seine Biographin mit seiner Abstammung aus der Gründerzeit. Tatsächlich hatte er den richtigen Riecher, als er früh erkannte, welche Bedeutung das neue Medium Film künftig in der Unterhaltungsindustrie haben würde. Immer aber blieb er großzügig gegenüber in Not geratenen Freunden und Kollegen. Unermüdlich sein Auftrittseifer, unnachahmlich sein Gehör für sprachliche Absurditäten: "Ich weiß nicht mehr genau, war es gestern oder war's im vierten Stock oben . . ."

Die Biographie folgt in dieser prägenden Lebensphase ein wenig eng dem Tourneeplan. Sie verzeichnet akribisch den Weg durch die Brettlbühnen der Prinzregentenzeit, beschreibt so den Reifungsprozess vom Vorstadtstrizzi zum effektsicheren Improvisationsgenie, das sehr genau um seinen Marktwert wusste - als Stimmungsmacher verheizen hat sich Valentin nie lassen. Dabei konnte er sich vor allem auf Elisabeth Wellano verlassen, die er zu seiner Lebens- und Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt formte - was nicht heißt, die zehn Jahre jüngere Frau hätte sich nicht von ihren Hosenrollen emanzipiert: "Das Fräulein hat er sehr geliebt, aber er war immer grob zu ihr und hat kaum mit ihr gesprochen", erinnerte sich der Regisseur Max Ophüls an das komplizierte Paar.

Valentin-Karlstadt steigen in der Weimarer Republik zum Spitzenduo der deutschen Komik auf, sie nehmen fürstliche Gagen, werden in Berlin umjubelt. Mitte der zwanziger Jahre schickt auch die Hochkultur Ergebenheitsadressen - Tucholsky, Franz Blei, Alfred Polgar, Wilhelm Hausenstein, Siegfried Kracauer, Brecht.

Ganz langsam, häufig verschanzt hinter den Wertungen berühmter Zeitgenossen, schält Monika Dimpfl das Bild des Menschen Karl Valentin aus der Werkgeschichte heraus - als hätte die Autorin Manschetten, die Figur mit eigenem Pinsel zu malen. Ein wenig mehr Analyse der künstlerischen Formenvielfalt (und eine Zeittafel am Ende) hätte man sich gewünscht.

Denn schillernd war dieser dürre Sprachanarchist ohne Zweifel: zum Beispiel als Sammler und Collagist von alten Münchner Fotografien, der 1933 eine Fotoausstellung organisieren wollte; zum Beispiel als apolitischer Mensch, der in Umbruchszeiten sicherheitshalber in die Narrenrolle schlüpfte, um nur ja nicht in die Schusslinie zu geraten - und um auf keinen Fall mit Hitler (der ihn verehrte) auf einem Foto verewigt zu werden.

Auch das Bild des besorgten Vaters kristallisiert sich heraus sowie das eines ängstlichen Kranken, der im Wirtshaus das Reclam-Bändchen mit Kants Aufsatz "Von der Macht des Gemüts" hervorzieht. Und der auf die Frage nach den drei freien Wünschen geantwortet haben soll: Erstens: ewige Gesundheit. Zweitens: einen Leibarzt.

HANNES HINTERMEIER

Monika Dimpfl: "Karl Valentin". Biographie. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007. 28 Abb., 320 S., br., 14,50 [Euro].

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