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Ethnologie im Humboldt Forum : Wer nicht tauscht, ist ein Kannibale

Weibliche Figur aus Benin Bild: akg-images / André Held

Seit Jahren wird über die Präsentation von ethnologischen Objekten im Humboldt Forum gestritten. Jetzt melden sich führende Wissenschaftler und Museumsleute mit einen Gesprächsband zu Wort.

          Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle Kulturpolitiker werden, die sich zum Humboldt-Forum äußern oder auf seine Gestaltung Einfluss nehmen wollen. Ebenso gründlich sollten es jene Aktivisten lesen, die das Forum als Hort kolonialer Machenschaften und westlicher Überlegenheitsgesten anprangern. Ein Buch für das kulturell interessierte Publikum, das der schrillen Töne in der Kolonialismusdebatte überdrüssig ist und sich nach Versachlichung sehnt, ist es ohnehin.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn in diesem Band kommen endlich Vertreter jener Wissenschaft zu Wort, der das Humboldt-Forum den Reichtum seiner künftigen Sammlungen verdankt: der Ethnologie. Hier werden auch nicht eherne Gesinnungen gegeneinandergestellt, sondern Standpunkte und Erfahrungen ausgetauscht. Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern wie sich aus einer gegebenen Situation das Beste machen lässt. Die Situation, das ist der Bau auf dem Berliner Schlossplatz, der mit ethnographischen Sammlungen teils zweifelhafter, teils unverdächtiger Herkunft bestückt werden soll und dessen museales Pathos der Weltoffenheit unverhofft in den Geruch des Euro- und Germanozentrismus geraten ist.

          Ein tragikomischer Geburtsfehler

          Die Runde, die der Journalist und studierte Ethnologe Johann Michael Möller versammelt hat und moderiert, besteht je zur Hälfte aus Museumsexperten und Wissenschaftlern. Gereon Sievernich war bis 2018 Direktor des Berliner Martin-Gropius-Baus; Gisela Völger hat zwanzig Jahre lang das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln geleitet; Karl-Heinz Kohl war Professor in Mainz und Frankfurt und Leiter des Frobenius-Instituts; Fritz Kramer hat Ethnologie in Berlin und Kunsttheorie in Hamburg gelehrt und Feldforschungen in Afrika und Südostasien betrieben. Kramer ist es auch, der den Grundton des Gesprächs setzt, indem er dem Humboldt-Forum einen „tragikomischen Geburtsfehler“ bescheinigt: Um den Dialog der Kulturen zu fördern, stütze es sich ausgerechnet auf Sammlungen aus kleinen, schriftlosen Gesellschaften an den Rändern der Kolonialreiche – das Gegenteil dessen, was mit Globalisierung, Moderne und digitaler Kommunikation zu tun habe. „Im Humboldt Forum wäre Australien durch den Bumerang vertreten.“ Das sitzt.

          Es sind in erster Linie die Museumsleute, die dem Großprojekt dann doch etwas abgewinnen können, während Kohl und Kramer dagegenhalten. Aber ganz so klar verlaufen die Fronten auch wieder nicht. Auch die Wissenschaftler erkennen die Chance, die in der Präsentation ihres Fachs im Humboldt-Forum liegt. Schließlich steht inzwischen jedes in der Kolonialzeit erworbene Objekt dank der Meinungskampagnen einiger gut vernetzter Historiker im Verdacht, „asymmetrisch“, also unfair, gehandelt worden zu sein. Kramer hat hingegen selbst erlebt, dass der Tausch in vielen Herkunftsgesellschaften ein Beweis des Menschseins ist: Wer nicht tauscht, gilt als Kannibale.

          Ist jeder Tourist ein Kolonialist?

          Kohl führt das Beispiel der Malanggan-Skulpturen aus Papua-Neuguinea an, die von ihren Schöpfern als Verkörperung der Totengeister in den Wald gestellt wurden, um dort zu verrotten. Als um 1890 die ersten deutschen Missionare und Ethnologen kamen, entdeckten die Einheimischen, dass sie durch den Verkauf der Malanggane die Geister zugleich loswerden und versilbern konnten. Allerdings führte das neue Geschäftsmodell bald zum Qualitätsverfall der Ware. Ist der Kolonialismus also schuld am Niedergang indigener Kunst? Dann wäre jeder Tourist, der auf einem Markt in Daressalam oder Altötting Andenken kauft, ein Kolonialist

          Im größten ethnologischen Museum der Welt im japanischen Osaka, berichtet Karl-Heinz Kohl, wird Europa durch eine Schnapsbrennerei, eine Lederhose, einen Adventskalender und einen Weihnachtsbaum dargestellt: das christliche Abendland als Stammeskultur. Der „koloniale“ Blick ist mitnichten eine westliche Spezialität. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Ansprüchen der Indigenen und ihrer Vertreter: Wenn man ihre kulturellen Traditionen genauer anschaut, erweisen sie sich zumeist als Konstrukte statt als gewachsene historische Realitäten. Auch hier geht es vor allem darum, die eigene Position in den Verhandlungen mit den Museen zu verbessern – also um Interessen und Geschäfte ganz profaner Art.

          Was folgt daraus? Man müsse das Humboldtforum „tiefer hängen“, fordern die fünf Ethnologen: als Anreiz für das Publikum, dem so der Zugang erleichtert wird, aber auch im Sinn symbolischer Politik. Weder die Kunst noch die Ethnologie können die Kluft zwischen Europa und dem Rest der Welt schließen. Aber sie können sie durch das Staunen, das sie uns lehren, überbrücken.

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