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: Geschichten am seidenen Faden des Ich

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Das große Verdienst dieses kleinen Bändchens besteht darin, dass es die Kinderfragen als die eigentlich wichtigen Fragen begreift. Genauer könnte man mit dem Autor, dem Tübinger Philosophieprofessor Manfred Frank, auch sagen: Alle wirklich interessanten Fragen sind philosophische Fragen, und alle wirklich philosophischen Fragen sind Kinderfragen.

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          Das große Verdienst dieses kleinen Bändchens besteht darin, dass es die Kinderfragen als die eigentlich wichtigen Fragen begreift. Genauer könnte man mit dem Autor, dem Tübinger Philosophieprofessor Manfred Frank, auch sagen: Alle wirklich interessanten Fragen sind philosophische Fragen, und alle wirklich philosophischen Fragen sind Kinderfragen. Philosophen sind also Leute, die die Kinderfragen nicht vergessen haben, wenn sie erwachsen geworden sind. Leute, die solche Fragen sogar zu ihrem Beruf gemacht haben. Was für ein schöner Beruf muss das sein, bei dem man fürs Kindbleiben auch noch Geld bekommt!

          Aber ach, das Geld - da liegt gelegentlich der Haken des Philosophenberufs. Denn Philosophen, die aus der Philosophie einen Beruf gemacht haben, also morgens zur Universität gehen, an vielen Sitzungen teilnehmen und unter dem Druck stehen, immerfort Gelder für ihre Gedanken zu organisieren und jede Menge Schriftliches in die Welt zu setzen - diese Berufsphilosophen haben oft das Wichtigste an der Philosophie verlernt. Sie treiben einen leeren Begriffshandel und teilen damit das Schicksal vieler Erwachsener, die sich, so Frank, "im Laufe ihres Lebens - weil das Leben mit viel Mühsal verbunden ist - das grundsätzliche Fragen immer mehr abgewöhnt" haben.

          Das ist sehr schade, sagt Manfred Frank. Sehr schade, weil sich so das Wesentliche wie ein Wollknäuel auflöst, man hält nur noch lose Fäden in der Hand und traut sich nicht mehr zu fragen, warum ein solcher Faden überhaupt da ist, woher er kommt und wohin er führt. Man verliert seine phantastische Einfalt, wird verständig im Sinne eines Worts von Wilhelm Busch, das Manfred Frank am Eingang seines Büchleins zitiert: "Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: Warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiß er längst, ist nur der Zipfel eines Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will."

          Kinder und richtige Philosophen dagegen gehen dem Faden, den sie in Händen halten, unbeirrbar nach und scheuen das Knäuel der Unendlichkeit nicht, auf das sie dann stoßen. Sie wissen, dass kindliche, also philosophische Fragen solche sind, die "eigentlich keine (oder selten) eindeutige Antworten" haben. Viele der kindlich-philosophischen Warum-Fragen lassen sich gar nicht beantworten durch Angabe einer Ursache. Manfred Frank ist dieser Punkt so wichtig, dass er uns die Warum-Fragen erst einmal ganz genau erklärt, um verständlich zu machen, worum es Kindern und Philosophen geht: "Wir müssen unterscheiden zwischen Warum-Fragen zweierlei Typs. Die einen wollen eine Ursache herausfinden. Die Dinos sind ausgestorben, weil ein riesiger Meteorit in die Erde eingeschlagen ist und die klimatischen Verhältnisse zum Überleben von Riesenechsen unmöglich gemacht hat. Vulkane rauchen, weil die Flüssigkeit in den heißen Lavamassen, die die Erde aus Bereichen von unterhalb ihrer Kruste ausstößt, verdampft und an der kühleren Luft kondensiert. Aber Fragen wie die: Warum müssen wir sterben? sind eigentlich keine Warum-Fragen. Sie wollen nicht die Ursachen wissen, sondern fragen: Wozu ist die Welt so eingerichtet, dass Tieren und Menschen etwas so Schreckliches abverlangt wird - egal, wo die biologische Ursache dafür ist. Wozu-Fragen sind auch solche wie: Warum gibt es überhaupt etwas, warum gibt es nicht vielmehr nichts? oder: Warum dürfen wir nicht lügen? oder: Warum sind wir Iche?"

          Letztere Frage ist die Frage, um die es in dem Büchlein näherhin geht: "Warum bin ich Ich? Eine Frage für Kinder und Erwachsene" lautet der Titel jener Vorlesung, die Manfred Frank im Rahmen der sogenannten Tübinger Kinder-Uni gehalten hat. "In ihr sollte getestet werden", schreibt Frank, "ob Uni-Professoren (und -Professorinnen) tatsächlich Langweiler sind oder ob es ihnen gelingt, mehrere Semester in Folge Schulkinder etwa zwischen 7 und 12 Jahren jede Woche dienstags in Spannung zu erhalten." Das vorliegende Buch dokumentiert erstmals den Text der Vorlesung im Original, so wie Frank ihn vorgetragen und seitdem noch viele Male wiederholt hat.

          Man muss dazu wissen: Manfred Frank ist, was die Frage nach dem Ich angeht, nicht irgendwer. Der Zweiundsechzigjährige hat jener Frage nach dem leicht verstörbaren Selbstgefühl, von dem das Ich begleitet wird, schon viele dicke Bände und etliche Aufsätze gewidmet. Er ist ein Berufsphilosoph des Ich, der es - man kann getrost sagen - trotzdem geschafft hat, sich die Frage nach dem Ich im Laufe seines langen Erwachsenenlebens nicht abzugewöhnen. Genau deshalb, weil er bei aller Klugheit seine Kindlichkeit bewahren konnte, hat er Kindern vieles zu sagen. Vieles, aber naturgemäß nichts Eindeutiges. Manfred Frank erzählt uns viele kleine Geschichten, zeigt viele schöne Bilder. Geschichten und Bilder am seidenen, ins Unendliche führenden Faden des Ich.

          CHRISTIAN GEYER.

          Manfred Frank: "Warum bin ich Ich?" Eine Frage für Kinder und Erwachsene. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007. 61 S., geb., 12,80 [Euro]. Ab 10 J.

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