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: Geschichte, die aus der Zukunft kommt

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Es wird vielleicht einmal als Beginn einer neuen Menschheitspolitik in die Geschichte eingehen oder doch wenigstens als ihr Vorzeichen, dass der frühere amerikanische Vizepräsident Al Gore im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis für sein umweltpolitisches Engagement erhielt. Ein Beginn deshalb, weil ...

          Es wird vielleicht einmal als Beginn einer neuen Menschheitspolitik in die Geschichte eingehen oder doch wenigstens als ihr Vorzeichen, dass der frühere amerikanische Vizepräsident Al Gore im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis für sein umweltpolitisches Engagement erhielt. Ein Beginn deshalb, weil mit der Preisvergabe erstmals ein Geschichtsbegriff geradezu verbindlich belobigt wird, der seine Legitimation aus einem hochgerechneten Zusammenhang von Mensch und Natur bezieht. Es ist die von ihr selbst bedrohte Zukunft der Natur, die die Menschheit sittliches, verantwortungsvolles Handeln lehren soll. Wir sind verpflichtet, von einer Geschichte zu lernen, die, global betrachtet, niemals zu ihrem Ende kommen darf, weil es auch unser Ende wäre - und damit wirklich auch das Ende der Menschengeschichte.

          Diese hochgerechnete Zukunftsgeschichte der Menschheit als globale ökologische magistra vitae mit Lernzwang ist eine Denkfigur, die zwar nicht vollständig neu ist, wenn man an die Mahnungen des Club of Rome zu Beginn der siebziger Jahre denkt. Neu ist aber die scheinbare Evidenz dieser Geschichte, die sich mit Überschwemmungen, verhuschten Jahreszeiten, mit Brand und Dürre in das Alltagsleben der Menschheit einschreibt und zu neuer sozialer Ungleichheit im planetarischen Maßstab führt. Alles scheint auf eine Geschichte zuzulaufen, die nie passieren darf. Die Zukunft lehrt uns, was wir heute schon vermeiden müssen, so lautet kurz gefasst die Quintessenz dieser Geschichtsbetrachtung ex futura naturae. Kein Wunder, dass die entwickelten Gesellschaften auf dem Weg zu Verbots-Gesellschaften sind, deren gesellschaftspolitischer Konsens an den Leitbegriffen von Gesundheit, Verantwortung und Kontrolle ausgerichtet ist. Es liegt auf der Hand, dass solche Geschichten aus der Zukunft ein gefährliches Ermächtigungspotential haben. Schon stürzen sich die Gesellschaftswissenschaften auf das "Klima" als neues Paradigma, das sie aus der aussichtslosen Versandung einer monochromen kapitalistischen Gesellschaft errettet. Andere "Retter", die auch "Führer" sind, mögen folgen.

          Vor diesem Hintergrund scheint ein Buch gerade recht zu kommen, das "vom Missbrauch der historischen Vernunft" handelt, der "im Namen der Geschichte" verübt werde. Diese Kritik angesichts der Aussiedlung der Geschichte in die Naturgeschichte sowie einer neuen Biologisierung der Politik wirkt auf den ersten Blick ein wenig altmodisch, um nicht zu sagen überholt. Rudolf Burger, Professor für Philosophie an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, hat sich vorgenommen, Geschichte als "Mythos der Moderne" zu entlarven und ihr einiges von ihrer "epistemischen und moralischen Verbindlichkeit" zu nehmen. Er richtet sich dabei insbesondere gegen den bedenkenlosen Einsatz der nationalsozialistischen Geschichte und des Judenmordes als Alltagsmoral in kleiner Münze: Man sei von der Helden- zur Opfergeschichte gewechselt und huldige nun einem "negativen Monumentalismus". Erinnerungskartelle kämpfen um das Opfermonopol, so Burger. Er moniert: "Nicht verstehen oder begreifen, sondern ,Niemals vergessen!' lautet das Gebot dieses moralisierenden Neohistorismus." Burger nennt es das "elfte Gebot" und widmet sich dann dem Nachweis, dass dieses elfte Gebot eben als Gebot absurd sei. In der Befolgung dieses Gebots nämlich sei "das Denken durch das Gedenken ersetzt worden und das Denkmal durch das Mahnmal". Die "Erinnerung" aber biete allenfalls einen höchst trügerischen Schutz und wiege die Menschen in falscher Sicherheit.

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