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: Geschichte, die aus der Zukunft kommt

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Diese Kritik ist nun wirklich nicht neu, ihr wurde schon das ein oder andere Werk gewidmet. Auch, dass man aus der Geschichte eigentlich nichts lernen könne - oder meistens nur das Falsche, ist nun seit Nietzsche und Theodor Lessings "Sinngebung des Sinnlosen" aus dem Jahr 1919 bekannt. Deshalb biegt Burger auch bald scharf ab in eine Geschichte des historischen Denkens und lässt Polemik erst einmal Polemik sein. Was auf den folgenden siebzig Seiten geboten wird, ist im Grunde ein gelungener, vorlesungstauglicher Abriss des historischen Denkens mit einer Reihe nützlicher Begriffsunterscheidungen. Er reicht von Aristoteles über Hegel bis zu Karl Popper, von Vico bis zu Koselleck. Burger gelingt es, auf knappem Raum etwa zu zeigen, wie die Vorsehung bei Vico auf ein temporalisiertes Ordnungsschema reduziert wird, "dessen wesentlicher Inhalt nichts anderes ist als die universale und gesetzmäßige Ordnung des Geschichtsverlaufs selbst". Und er zeigt ebenso knapp wie luzide die überragende Bedeutung von Joachim von Fiore für das gesamte europäische Geschichtsdenken. Joachim ließ den Augustinischen Dualismus hinter sich und betrachtete die Realgeschichte als Vollzug einer Vergeistigung. Er holte damit die Heilsgeschichte in die Weltgeschichte zurück, und sein dreistufiges Schema des Geschichtsverlaufs wird von Hegel, Comte oder auch Marx aufgegriffen und neu gefüllt.

Immer wieder lässt Burger dabei sein Leitmotiv aufscheinen, dass "wir eine Vergangenheit haben, aber die Geschichte machen". Der Gedanke, dass Geschichte als Erzählung immer ein Konstrukt ist und bleiben muss, ist nun auch nicht neu, und es ist bedauerlich, dass Burger "die Geschichte", die ja keineswegs immer ein solcher Kollektivsingular gewesen ist, stets nur in ihrer Qualität als Darstellung behandelt, ihre analytische Dimension aber, aus der dann eben doch bestimmte strukturelle Schlüsse gezogen werden können, vernachlässigt. Geschichte ist also nicht bloß das Erzählte, sondern auch das Erfragte. Und die Qualität der Erzählung hängt aufs engste mit der Qualität der Fragen zusammen, die man zuvor an das Überlieferte gerichtet hat. Gleichwohl: Burger ist es mit seinem Essay gelungen, aus der Geschichte des historischen Denkens alle historischen Imperative reflexiv zu distanzieren und entsprechenden Mobilisierungsappellen die "inneren Widersprüche der Sache selbst" entgegenzuhalten. Dass ebendiese "Lehre" seine skeptische These nahezu widerlegt, ist eine der Pointen, wie sie Burger selbst schätzen dürfte.

Rudolf Burger: "Im Namen der Geschichte". Vom Missbrauch der historischen Vernunft. zu Klampen Verlag, Springe 2007. 128 S., geb., 14,- [Euro].

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