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Geschichte der Todesstrafe : Bei Galgenwürstchen und Armsünderbier

  • -Aktualisiert am

Hinrichtungsraum in in Huntsville, Texas, im Mai 2008 Bild: AP

Das soll Aufklärung sein? Helmut Ortner schreibt eine Geschichte der Todesstrafe als Panoptikum des Schreckens. Dabei bedient er sich einer heiklen Gefühlsmelange – angesiedelt zwischen moralischer Entrüstung und heimlichem Vergnügen.

          „Zeig der Menge meinen Kopf; es wird lange dauern, bis sie so etwas wieder zu sehen bekommt“, rief Danton auf seinem Weg zur Guillotine. Von Hinrichtungen geht ein makabrer Reiz aus. Solange das Theater des Schreckens auf öffentlicher Bühne aufgeführt wurde – in Deutschland war dies bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Fall – , zog es regelmäßig ein großes, mitunter nach Zehntausenden zählendes Publikum an, das sich bis zum finalen Akt, dem Auftritt des Delinquenten und des Scharfrichters, mit Galgenwürstchen und Armsünderbier bei Laune hielt.

          Auch die Verlegung der Exekutionen in das Arkanum eines Gefängnishofes hat ihrer Faszination keinen Abbruch getan. Noch heute sind Hinrichtungen in den Vereinigten Staaten veritable Medienereignisse. Vor dem Gefängnistor versammeln sich Demonstranten pro und contra Todesstrafe, Journalisten und Kamerateams und nicht zuletzt zahlreiche Schaulustige, die durch die Teilnahme an dem Spektakel Abwechslung in ihren grauen Alltag bringen wollen.

          Heimliches Vergnügen

          Bücher zum Thema Todesstrafe profitieren ebenfalls von dem voyeuristischen Interesse, das die Menschen dem staatlich sanktionierten Leiden und Sterben von ihresgleichen entgegenbringen. Selbstverständlich ist jeder anständige Europäer heute gegen die Todesstrafe oder gibt jedenfalls vor, es zu sein. Dennoch äußert sich in dem Schauder, mit dem viele Menschen die Fotos Gehenkter betrachten oder sich über die diversen Hinrichtungsarten belehren lassen, nicht nur moralische Entrüstung, sondern auch das heimliche und gewöhnlich gut kaschierte Vergnügen, an der absoluten Unterwerfung anderer Menschen teilhaben zu können.

          Helmut Ortner: „Wenn der Staat tötet“. Eine Geschichte der Todesstrafe. Mit einem Nachwort von Thomas Fischer. Theiss Verlag / WBG, Darmstadt 2017., 236 S., geb., 22,95 €.

          Jeder Autor, der über die Todesstrafe schreibt, weiß um diese heikle Gefühlsmelange. Wer sich dennoch an diesen Stoff heranwagt, der im Laufe der Jahrhunderte so gründlich behandelt worden ist wie kaum ein zweiter, sollte sich daher zumindest im Klaren darüber sein, ob es ihm um eine kulturgeschichtliche Darstellung oder um ein rechtspolitisches Manifest geht. Die zentrale Schwäche des von dem Journalisten Helmut Ortner vorgelegten Buches besteht darin, dass es beständig zwischen diesen beiden Genres hin und her schwankt. Ortner will sowohl die im Untertitel angekündigte „Geschichte der Todesstrafe“ schreiben als auch mit der gegenwärtigen amerikanischen Hinrichtungspraxis abrechnen. Damit übernimmt er sich jedoch, mit der Folge, dass er keine dieser beiden Aufgaben überzeugend bewältigt.

          Die geschichtlichen Ausführungen Ortners erschöpfen sich im Wesentlichen in einer episodischen Präsentation der Rituale, Vollzugsweisen und Exekutoren der Todesstrafe. Der Leser erfährt die Speisenfolge bei der Henkersmahlzeit der durch Goethe unsterblich gewordenen Frankfurter Kindesmörderin Susanna Margareta Brandt, ihm wird ausführlich erklärt, wie Steinigung und Vierteilung vollzogen werden und wie der elektrische Stuhl und die Gaskammer funktionieren, und er bekommt mitgeteilt, wie viel ein Henker im Deutschland des Jahres 1943 verdiente. Im Hinblick auf die ideelle Sinngebung der Todesstrafe gelangt Ortner hingegen kaum über Allerweltsfloskeln hinaus. Ursprünglich habe diese Bestrafung der Besänftigung erzürnter Gottheiten gedient, im Zuge der Säkularisierung seien die Gesichtspunkte einer abstrakten Vergeltung und der Abschreckung in den Vordergrund getreten, und Beccaria habe all diesen Legitimationsversuchen endgültig den Garaus gemacht. Alles, was Ortner hier schreibt, ist schon viele Male zuvor dargelegt worden, und zwar gründlicher und tiefer.

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