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Geschichte der Homosexualität : Politik mit emotionalen Mitteln

In Benno Gammerls „Anders Fühlen“ offenbaren Berichte Wege aus der Stigmatisierung. Bild: dpa

Warum die komplexe Geschichte queeren Lebens in Deutschland wenig mit den gängigen Emanzipationserzählungen von Scham und Selbstbefreiung zu tun hat: Benno Gammerl legt eine Geschichte der Homosexualität in der Bundesrepublik vor.

          3 Min.

          Bis Frau Schmidt ihre Liebe leben konnte, vergingen Jahrzehnte. Sie heiratete früh, schwärmte für Arbeitskolleginnen und Freundinnen, wurde geschlagen, überredete ihren zweiten Mann, aus den erdrückenden Zwängen eines Dorflebens in die Stadt zu ziehen, bekam zwei Kinder, fand es merkwürdig, wenn sich vor ihren Augen zwei Frauen küssten, protestierte gegen das entmündigende Taschengeld, das sie von ihrem Mann bekam, holte ihren Abschluss nach, trat einer Frauengruppe bei. Von ihren Empfindungen erzählte sie niemandem. Erst Jahre später tat sie, wonach sie sich fühlte: Sie trennte sich von ihrem Mann, zog aus und begann, ihrer Neigung zu folgen.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Frau Schmidt gehört zu den zweiunddreißig Menschen, die zwischen 1935 und 1970 in unterschiedliche Milieus und Regionen geboren wurden, die entweder schwul oder lesbisch sind – und mit denen der Historiker Benno Gammerl lange Gespräche geführt hat. Ihre Erfahrungen in der Bundesrepublik markieren den zeitgeschichtlichen Kontext, den Gammerl, der am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz Gender- und Sexualitätengeschichte lehrt, in seinem Buch „Anders fühlen“ interpretiert.

          Das Verfahren orientiert sich am Gegenstand: Wie will man menschliches Fühlen historisch erforschen, ohne es in Gesprächen individuell erschließbar zu machen? Wie die komplexe Geschichte queeren Lebens in Deutschland nachzeichnen, die wenig mit den gängigen Emanzipationserzählungen von der Scham, die sich in Selbstbefreiung verwandelte, zu tun hat? Die Interviews verbinden sich hier mit einer akribischen Quellensammlung aus Zeitdokumenten.

          Fluchten und Erweckungsmomente

          An viele Erschütterungen lohnt es zu erinnern: an die Nachkriegsjahre, in denen alle Bemühungen, die von den Nazis verfolgten Homosexuellen als Opfer anzuerkennen, scheiterten. An Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, der, von den Nationalsozialisten verschärft, noch Jahre später zur Kriminalisierung Schwuler beitrug und die Grundlage für ihre Verfolgung schuf. Zwischen 1950 und 1965 wurden ungefähr 45 000 männerliebende Männer verurteilt. Gewalt gegen Schwule wiederum rechtfertigten deutsche Gerichte mit dem sogenannten affektiven Schockmoment heterosexueller Beobachter – und verhängten milde Strafen.

          Gammerl gliedert seine Analyse in drei Phasen: die Nachkriegsjahrzehnte der heimlichen Begegnungen und unterdrückten Neigungen; die Aufbruchsstimmung der siebziger Jahre, in denen die ersten Reformen des Sexualstrafrechts ihre Wirkung taten und man für gleichgeschlechtlichen Sex nicht mehr ins Gefängnis kam; die neue Normalität der achtziger Jahre, die andere Probleme mit sich brachte, etwa Konflikte innerhalb der Gemeinschaft, Aids, die Debatte über die Homo-Ehe.

          Zu Wort kommen Betroffene, die sich selbst versicherten, bloße Körperlichkeit ohne Küssen mache noch keine Homosexuellen aus ihnen, und solche, die von tröstlichen Selbstmordgedanken berichten. Ihre Emotionen waren und sind noch von den sozialen und kulturellen Umständen geprägt. Zugleich offenbaren die Berichte Wege aus der Stigmatisierung, offenen Protest gegen Homophobie und ein großes Selbstbewusstsein in der Überzeugung, für ein von den Zwängen der Konvention befreites Leben einzutreten.

          Die Tiefe, in der Gammerl Motive, Entscheidungen, geistige Fluchten, Ausweichmanöver, Erweckungsmomente, die Rolle homophiler und der Massenmedien sowie den Widersinn der Konflikte zwischen Befreiungsdrang und der Sehnsucht nach Konvention analysiert, ist immer wieder überraschend, der Anspruch dahinter auch ein soziologischer: So etwa die Erkenntnis, dass selbst die stereotypen Sprüche über gleichgeschlechtlich Liebende, die sich Homosexuelle am Stammtisch oder am Gartenzaun anhören mussten, dazu beitrugen, ein eigenes Selbstbild zu entfalten und Begehren für sich zu artikulieren.

          In einer Zeit der unbeirrbaren Überzeugungen ist die Lektüre von „Anders fühlen“ wohltuend differenziert. Beinahe macht sie Hoffnung auf eine neue Generation von Schreibenden, deren Thesen sich nicht in ihren Buchtiteln erschöpfen. Oder jedenfalls auf die fachkundige Beschäftigung mit einem Sachverhalt, die dem Zweifel Raum lässt. Und sie macht denen Mut, die in Erinnerung an die Emanzipationsbewegungen der siebziger Jahre an Politik mit emotionalen Mitteln glauben, die jenseits identitärer Gefechte gelingt.

          Einen seiner Gesprächspartner, Herrn Schumann, beschreibt der Autor als wahren Antagonisten. Selbstbewusst vertritt der alte Mann die Ansicht, seine Gefühle seien unbeeindruckt von der Welt um ihn herum gewachsen, vehement stellt er Gammerls Standpunkt in Frage. Schließlich stellt der Autor fest, dass bei den Treffen mit Herrn Schumann unterschiedliche Emotionstheorien aufeinanderprallen. Gammerl, Jahrgang 1976, hat verinnerlicht, dass äußere Umstände emotionale Probleme verursachen, die sich mit Pragmatismus lösen lassen. Der 1935 geborene Herr Schumann näherte sich seiner Homosexualität in einer Zeit der Gefühlsemphase und Innerlichkeit. Beide Männer reiben sich aneinander als Vertreter ihrer jeweiligen Generationen. Eine Erkenntnis, die nicht nur ihn und Herrn Schumann zum Nachdenken bringen dürfte. Man liest selten so viel Erhellendes über Gefühle.

          Benno Gammerl: „Anders fühlen“. Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte. Hanser Verlag, München 2021. 416 S., geb., 25 Euro.

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