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: Gesamtdeutsche Ellipse

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Gäbe es ohne Joseph Görres keinen Dom in Köln? Im Jahr 1814 publizierte er einen Auftruf, die Kathedrale als Nationaldenkmal zu vollenden. Die Nation sollte aus dem "germanischen Styl", so Görres, wiedererstehen. Die einzige Darstellung eines Nichtordinierten im gesamten Kölner Dom befindet sich im südlichen Querschiff.

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          Gäbe es ohne Joseph Görres keinen Dom in Köln? Im Jahr 1814 publizierte er einen Auftruf, die Kathedrale als Nationaldenkmal zu vollenden. Die Nation sollte aus dem "germanischen Styl", so Görres, wiedererstehen. Die einzige Darstellung eines Nichtordinierten im gesamten Kölner Dom befindet sich im südlichen Querschiff. 1856 wurde hier "dem hochherzigen Verteidiger der katholischen Wahrheit in Deutschland" von seinen Freunden ein Denkmal in Form eines Kirchenfensters gesetzt: Joseph Görres kniet dort demütig, von seinem Namenspatron präsentiert, vor der Gottesmutter mit dem Christusknaben.

          Die Ehre der bildlichen Anwesenheit im Hohen Dom wurde damit zu Recht demjenigen Manne zuteil, ohne dessen Initiative der Bau vielleicht nie vollendet worden wäre. Im Jahr 1814, noch im Rausch des Sieges über Napoleon, hatte Görres im "Rheinischen Merkur" vom 20. November 1814 einen anonymen Aufruf publiziert, den Kölner Dom als gesamtdeutsches Nationaldenkmal zu vollenden. Er griff damit eine Anregung Ernst Moritz Arndts auf, der im Juni 1814 in alttestamentlichem Donnerton megalomane Phantasien für ein potentielles Ruhmesmonument in Leipzig entwickelt hatte, das dem neu erwachten deutschen Nationalstolz ein Denkmal setzen sollte: "Das Denkmal muß draußen stehen, wo so viel Blut floß; es muß so stehen, daß es ringsum von allen Straßen gesehen werden kann, auf welchen die verbündeten Heere zur blutigen Schlacht der Entscheidung heranzogen. Soll es gesehen werden, so muß es groß und herrlich seyn, wie ein Koloß, eine Pyramide, ein Dom in Köln."

          Neben dem Aufruf von 1814 hat Görres zwei weitere Schriften über den Kölner Dom verfasst: 1824/25 eine Rezension des berühmten "Domwerks" von Sulpiz Boisserée in den Heidelberger Jahrbüchern der Literatur; schließlich kurz vor der Grundsteinlegung zur Vollendung des Domes im Jahr 1842 ein Bändchen mit dem Titel "Der Dom von Köln und das Münster von Strassburg", dessen finanzieller Ertrag dem Dombau zugutekommen sollte.

          Diese Textstufe, die die beiden erstgenannten in großen Teilen umfasst, ist Grundlage eines neuen Bandes der Joseph Görres Gesammelte Schriften. Bernd Wacker hat ihn kundig ediert und kommentiert und nicht nur eine beachtliche Rekonstruktionsleistung von Görres' Quellen erbracht, sondern auch die nicht übernommenen sowie die neu verfassten Textteile akribisch als Varianten nachgewiesen. Seine kenntnisreiche Einleitung bettet die görressche Domschrift in den Kontext der Gotikdiskussion der Zeit wie in ihr nationalgeschichtliches Umfeld ein.

          Dieser stellenweise nur als kurios zu bezeichnende Text ist weniger als kunsthistorische Abhandlung von Interesse - vielmehr ist er ein brisantes Dokument für die Diskussionen um Nationalstil und für nationale Ideologeme der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. In welchem Stile zu bauen sei, war keine primär ästhetische, sondern eine politische Entscheidung. Das Bindeglied zwischen Stil- und Nationengeschichte stellte der Volksgeistgedanke dar, dem in aestheticis ein wabernder "Kunstgeist" entsprach. An kein deutsches Kunstwerk knüpften sich solche hochgesteckten Hoffnungen, ein Denkmal der wiederkehrenden Einheit Deutschlands werden zu können, wie an den Kölner Dom. Hatte Boisserée an die Wiedergeburt der Kunst aus dem Geiste der Gotik geglaubt, so hoffte Görres auf eine Wiedergeburt der Nation aus dem "germanischen Styl". An "teutscher Bauart" sollte das zerfallene und von Fremdherrschaft geknechtete Reich genesen. Diesen Glauben an die Gotik als deutschen Nationalstil sollte erst August Reichensperger 1845 erschüttern, als er den Grundriss der Kathedrale von Amiens als Vorbild für den Kölner Bau postulierte.

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