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„Deutschlandglotzen“ : Von Kanzlerwelpen und Gouvernanten-Primadonnen

  • -Aktualisiert am

Wen lädt man sich ins Haus, wenn man fernsieht? Unter anderen die „Fürsorge-Leitwölfin“, die hier zum Zuschauer spricht. Bild: Picture-Alliance

Schrecklich, aber völlig unernst: Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier verbringt ganze Tage vor dem Fernseher und resümiert seine Eindrücke in einem sardonischen Rapport.

          3 Min.

          Wenn sich jemand, der sein Berufsleben im Theaterparkett verbrachte, dazu entschließt, tagelang fernzusehen und die Eindrücke des Selbstversuchs aufzuschreiben, erscheint das Ergebnis absehbar. Kritische Töne wird man erwarten dürfen, sarkastische Ausfälle ebenso, auch ganze Passagen, die einer gepfefferten Philippika gleichen. Das Fernsehen, so ein gängiger und nicht immer unberechtigter Vorbehalt, führe nämlich schnurstracks in die Verblödung. Unter manchen Zeitgenossen gilt es daher als Auszeichnung, das entsprechende Gerät erst gar nicht zu besitzen. Gleichwohl findet sich in mehr als neunzig Prozent aller deutschen Haushalte mindestens ein Fernseher, welcher einer Erhebung von 2018 zufolge täglich fast vier Stunden in Betrieb ist. „Wen lädt man sich da ins Haus, wenn man fernsieht?“

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Antwort auf diese Frage fällt weniger gallig aus als vermutet. Gerhard Stadelmaier, Jahrgang 1950 und ehemaliger Theaterredakteur der F.A.Z., hat sich durch das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender gezappt und erstattet unter dem Titel „Deutschlandglotzen“ gut gelaunt Rapport. Talkshows bereiten ihm dieselbe Wonne wie das betont unangestrengte „Morgenmagazin“ oder der Trödeldauerbrenner „Bares für Rares“. Vieles von dem, was Stadelmaier anprangert und in ellenlangen, exakt arrangierten Satzkaskaden beerdigt, ist jedoch nicht neu. Dass etwa Horst Lichter seine Gäste gnadenlos zu duzen pflegt, mag man ihm vorhalten. Allerdings gehört das Jovialitäts-Spektakel spätestens seit Thomas Gottschalks „Wetten, dass ..?“-Zeit zur DNA des ZDF.

          „Wenn man es nur wüsste ...“ 

          Stadelmaier überzeugt in erster Linie nicht durch den Inhalt, sondern durch die Form. Der Autor umlauert seine Figuren so lange, bis ihm die passenden Begriffe für ihre Ausstrahlung und Marotten einfallen. Frank Plasberg? Ein zur „kleinbürgerlichen Oberlehrkraft heruntergekommener Königsdarsteller“. Anne Will? Eine der „tonangebenden Gouvernanten-Primadonnen des Ersten Deutschen Fernsehens“, die Einlassungen ihrer Gäste mit „gnädigem Augenliderschließen“ quittiert. Der Kabarettist Hannes Ringlstetter? Ein „derber niederbayerischer Pointen-Outlaw“. Man kennt das Verfahren rhetorischer Maximalverdichtung aus Stadelmaiers Rezensionen, und auch beim sprichwörtlichen Blick in die Röhre kann er den Theaterkritiker in sich nicht an der kurzen Leine führen. Seine déformation professionnelle ist hier aber kein Makel, sondern Ausgangspunkt instruktiver Beobachtungen.

          So kommt er zu dem Schluss, die „König-Heinrich-Rolle im Verzweiflungskampf gegen König Corona“ werde auf der französischen Fernsehbühne vom Staatsschauspieler Emmanuel Macron übernommen. Angela Merkel trete als „Fürsorge-Leitwölfin“ auf, die Minister seien „Kanzlerwelpen“, deren von Ratlosigkeit befallene Sprache während der Pandemie wirke, als umspiele sie „in ihrer Tiefenstruktur nichts weniger als die Schlussworte in Tschechows „Drei Schwestern“: „Wenn man es nur wüsste ...“ Die derzeit bekanntesten Virologen wiederum hätten ihren dramatischen Urahn in dem Arzt Astrow aus „Onkel Wanja“. Er handle stets im Zeichen eines öffentlichen Verantwortungsethos. Überhaupt gebe es, Shakespeare hin, Schiller her, keinen besseren „Reservoir-Dramatiker für unsere aktuellen szenischen Anknüpfungsbedürfnisse“ als Tschechow.

          Lupenreine Kretins

          Krimis bereiten Stadelmaier tatsächlich eine gewisse Freude. An der „Soko Wien“ und „Inspector Barnaby“ etwa sei alles „ganz schrecklich, aber völlig unernst“ – ein gutgemeintes Verdikt, das für so manches gilt, was der Theaterkritiker im Laufe des Selbstversuchs anschaut. Den Beißreflex unterdrückt er streckenweise zugunsten von Überlegungen, die er mit Hilfe von László F. Földényi oder Philipp Blom anstellt, beispielsweise über den Zusammenhang von Pornographie und der Werbung für Schmerzmittel oder über die Bezüge zwischen exzessivem Fernsehkonsum und dem Wunsch nach einer nicht enden wollenden Gegenwart, in der sich das immer Gleiche in Wiederholungsschleifen vollzieht.

          Ein Höhepunkt ist erreicht, wenn Stadelmaier die Storys der haarsträubendsten Telenovelas zusammenfasst. Die Inhaltsangaben lassen keinen Zweifel daran, dass diese Sendungen vom „idiot plot“ regiert werden. So nannte der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert eine Handlung, die nur funktioniert, wenn sich die Figuren wie lupenreine Kretins benehmen. Was dort geredet wird, erinnere an „Blechabfall aus einer Sprachstanzerei“. Nun stelle man sich vor, die Charaktere würden die Klappe halten. Es gäbe nur Musik und Lippenbewegungen und Gesten. Stadelmaier fände das grandios. Für seine sardonischen Analysen hingegen wären solche Stummfilmzustände ein herber Verlust.

          Gerhard Stadelmaier: „Deutschlandglotzen“. Ganze Tage vor dem Fernseher. Zu Klampen Verlag, Springe 2020. 200 S., geb., 20,– €.

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