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Bilder im Nationalsozialismus : Das Porträt des Führers im Herrgottswinkel

Heile nationalsozialistische Welt: Postkarte mit Hitlerporträt und SA-Männern. Bild: Picture-Alliance

Schnappschüsse und Propaganda: Gerhard Paul schärft mit seinem Buch „Bilder einer Diktatur“ den Blick auf die Bilderwelt des Nationalsozialismus.

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          Ein Sympathisant der Berliner Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums wird Gerhard Paul nicht mehr. Der Historiker kritisiert in seinem jüngsten Buch vor allem die Abteilung zum „Dritten Reich“. Sie begreife Bilder teilweise als Spiegel historischer Wirklichkeit. Seine Schelte konkretisiert Paul auch an Ernst Vollbehr, der als „Maler des Führers“ galt. Die Ausstellung habe seine Ästhetisierung der Nürnberger Reichsparteitage lange als realistisches Abbild des Geschehenen dargestellt. Ähnlich naiv sei eine Aufnahme vom 1. September 1939 rezipiert worden, die einen scheinbar mühelos beseitigten Schlagbaum in Danzig zeigt. Tatsächlich sei der Angriff auf die Stadt kein einfaches Manöver gewesen. Den polnischen Adler als Symbol für die Unterworfenen hätten die Fotografen kurzerhand von einem nahe gelegenen Forsthaus hergebracht.

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Bilder erzeugten Realitäten, ist der Autor überzeugt. In der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft sind für diese Auffassung jedoch dicke Bretter zu bohren. Paul zitiert den Ausstellungsarchitekten Klaus-Jürgen Sembach, der die Meinung vertritt, die Geschichte des Nationalsozialismus werde vor allem „gelesen“, nicht „gesehen“. Paul gehört zu den Pionieren des „Visual Turn“ in der Geschichtswissenschaft. Er hat bereits zwei Überblickswerke zum zwanzigsten Jahrhundert als „Jahrhundert der Bilder“ und ein Studienbuch zur „Visual History“ geschrieben. Nun zeigt er an zweiundvierzig Fallstudien, dass Bildproduktion und -rezeption im „Dritten Reich“ vielfältiger waren, als es der Begriff der „Gleichschaltung“ suggeriert.

          Der Arbeiterriese als Körpermetapher

          Paul beschäftigt sich dabei auch mit Bildern, die schon vor der nationalsozialistischen Machtergreifung entstanden. So konkurrierte etwa der „Prolet-Arier“, den die NSDAP im Reichspräsidentenwahlkampf von 1932 plakatierte, mit der politischen Ikonographie der KPD, auf deren Postern ein ebenso mächtiger Arbeiter forderte: „Schluss mit diesem System.“ Der Nationalsozialismus setzte wie keine politische Bewegung zuvor auf Körpermetaphern. In der späten Kriegsphase ist das Bild des Arbeiterriesen aus der Öffentlichkeit allerdings verschwunden, da sich die Diktatur zu diesem Zeitpunkt mit ihm lächerlich gemacht hätte.

          Nicht ohne meinen Führer: Der Autorennfahrer Hermann Lang beim Abendessen, dreißiger Jahre. Bilderstrecke
          Bilder im Nationalsozialismus : Das Porträt des Führers im Herrgottswinkel

          Ein Schwerpunkt des Buchs ist der Analyse antijüdischer Bilder gewidmet, wie sie etwa 1936 in der „Großen antibolschewistischen Schau“ in München zu sehen waren. Dort wurden Juden mit vermeintlich authentischem Archivmaterial als „minderwertiges Rassengemisch“ dargestellt. Darüber hinaus zeigt Paul, dass die deutsche Propaganda in den nach 1939 besetzten Gebieten Feindbilder adaptierte und Juden als hygienische Gefahr, Ungeziefer und Krankheitsüberträger inszenierte. Besonders verstörend sind Aufnahmen aus dem ukrainischen Lemberg, auf denen zu sehen ist, wie Jugendliche für die Kamera sexualisierte Gewalt gegen jüdische Frauen ausüben. Hinzu kommen Bilder, die von Opfern des nationalsozialistischen Terrors stammen, etwa Schnappschüsse der Novemberpogrome von 1938. Sie wurden in Kiel von einem jüdischen Studenten aufgenommen, der so tat, als fotografiere er einen Freund.

          Moderne Kunst wurde von den Nationalsozialisten nicht nur als „entartet“ diffamiert, sondern auch instrumentalisiert. So konkurrierte beispielsweise der Bauhausstil mit Motiven, die sich an der christlichen Ikonographie orientierten, etwa dem Hitlerporträt im Herrgottswinkel alpiner Wohnstuben. Allerdings verzichtete das Regime nach 1941 immer häufiger auf Darstellungen des „Führers“, da sogar Anhänger des Nationalsozialismus zunehmend der Meinung waren, er eigne sich nicht mehr für auratische Abbildungen.

          Aufgrund der zahlreichen Einzelstudien ist es schwierig, einen roten Faden des Buchs auszumachen. Dafür erlaubt die chronologische Struktur eine gute Orientierung. Indem Paul Bilder nicht nur interpretiert, sondern auch nach ihren Produktions- und Rezeptionsbedingungen fragt, setzt er in der Geschichtswissenschaft nach wie vor Maßstäbe.

          Gerhard Paul: „Bilder einer Diktatur“. Zur Visual History des ,Dritten Reiches‘. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 528 S., Abb., geb., 38 Euro.

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