https://www.faz.net/-gr3-a9a19

Buch von Kamala Harris : Gerechtigkeit für alle

Kamala Harris, die amtierende Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten Bild: DANIEL ACKER/The New York Times//Redux/laif

Kamala Harris schreibt in ihrer Autobiographie von ihren Jahren als Staatsanwältin. Erzählerisch ist sie weniger ambitioniert als Barack Obama. Aber unmissverständlich.

          5 Min.

          Bayview ist ein Stadtteil von San Francisco, in dem Menschen, die anderswo wohnen, lieber nicht spazieren gehen. Abgeschnitten vom Schnellstraßennetz, unterversorgt mit Infrastruktur, überproportional geplagt von Dramen der Arbeitslosigkeit, Armut, Sucht und Verwahrlosung, die sich auf den Straßen abspielen. Eine hohe Kriminalitätsrate, eine geringe Rate an aufgeklärten Verbrechen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          In diesem Viertel eröffnete Kamala Harris im Jahr 2003 ihr erstes Wahlkampfbüro, obwohl sie selbst ganz woanders wohnte. Doch sie wollte den Menschen in Bayview ein Versprechen geben: dass sie nicht vergessen würden, sollten sie ihr ihre Stimmen geben. Sie trat als Kandidatin für die Bezirksstaatsanwaltschaft an. Sie war kämpferisch. Fragen der Gerechtigkeit seien es, die von der Strafanwaltschaft verhandelt würden, nicht allein solche der Anklage und Bestrafung. Es sei ihr ein Anliegen, für die Würde und den Schutz der Opfer einzustehen. Sie werde dafür sorgen, dass Gerechtigkeit bis nach Bayview komme. Sie gewann.

          Der Einheit Amerikas verpflichtet

          Aber auch damals hieß ihre über ihr Amt hinausgehende Botschaft bereits „Einheit“. Ihre tiefe Überzeugung war (und ist es geblieben), dass alle Amerikaner in den wichtigen Fragen mehr verbindet als trennt. So steht es in ihrer Autobiographie „Der Wahrheit verpflichtet“, die am Montag in deutscher Übersetzung erscheint. Es sind diese Sätze, die bereits einen Vorschein auf den Posten werfen, den sie inzwischen als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten innehat.

          Die Überzeugung der inneren Verbundenheit aller Amerikaner ist angesichts der Ereignisse der letzten Jahre eine erstaunliche Aussage. Doch als Kamala Harris diese Sätze in ihr Buch schrieb (die Originalausgabe erschien 2019), konnte sie von dem Versuch des amtierenden Präsidenten, die Wahl im November 2020 als eine gefälschte zu diskreditieren, und von dem Angriff seiner Anhänger aufs Kapitol noch nichts wissen. Sie konnte noch nicht einmal wissen, dass sie die erste Vizepräsidentin, die erste Schwarze und die erste Person mit indischen Wurzeln auf dieser Position sein würde.

          Ihr Buch beginnt mit der Wahlnacht im November 2015, in der sie Senatorin Kaliforniens wurde und Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten. „In den Jahren, die seither vergangen sind, musste ich mit ansehen, wie die Regierung sich zu Hause auf die Seite der Rassisten stellte und im Ausland bei Diktatoren einschmeichelte; wie sie Müttern ihre Babys entriss und damit in grotesker Weise gegen Menschenrechte verstieß; wie sie Konzernen und Reichen riesige Steuergeschenke machte und die Mittelschicht vergaß; wie sie unseren Kampf gegen den Klimawandel torpedierte, das Gesundheitswesen sabotierte und das Recht der Frauen in Frage stellte, über ihren eigenen Körper zu bestimmen; und wie sie gleichzeitig auf alles und jeden einschlug, darunter auch die freie und unabhängige Presse.“ Und dann kommen jene Sätze, die immer wieder zu hören waren und selbst nach dem 6. Januar 2021 nicht verstummten: „Das sind wir nicht. Wir Amerikaner wissen, dass wir besser sind. Aber wir müssen es unter Beweis stellen.“

          Das ist der Ton. Klarer Kampagnenmodus ohne Beiwerk. Pragmatisch ohne erzählerische Ambition. Unmissverständlich, was beim Buch einer Politikerin unbedingt von Vorteil ist. Der Wahrheit verpflichtet zu sein bedeutet festzustellen: „Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie und Antisemitismus sind real in unserem Land.“ Das ist der Ausgangspunkt. Und Kamala Harris belegt das mit erschütternden Details: „In Städten wie Baltimore, in denen die Rassentrennung bis heute real ist, haben die Bewohner von armen Schwarzen Vierteln eine um zwanzig Jahre geringere Lebenserwartung als die Bewohner wohlhabenderer weißer Viertel.“ Schwarz wird in diesem Buch konsequent großgeschrieben, um klarzumachen, es handelt sich nicht um die Farbe, sondern um eine Zuschreibung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kaufen oder mieten? : Ehestreit ums Eigenheim

          Ob Betongold wirklich glücklich macht, entscheiden auch die eigenen Ansprüche. Wenn die bei einem Paar weit auseinanderklaffen, muss es genau abwägen, was Freiheit und Sicherheit wert sind.
          Imame beten in Köln. Von nun an wird der Nachwuchs auch in Deutschland in deutscher Sprache ausgebildet.

          F.A.Z. Frühdenker : Imamausbildung auf Deutsch startet

          In Osnabrück nimmt das neue Islamkolleg seine Arbeit auf. Die NATO betrachtet Russland als Gefahr. In Deutschland wird über die Maskenpflicht gestritten. Und die DFB-Elf spielt gegen Frankreich. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.