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Gerd Holzheimer: „Polt“ : Der Vortäuscher echter Tatsachen

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Bild: verlag

Das Phänomenale am Phänomen ist, dass man es kaum erklären kann: Mit dieser Maxime begibt sich Gerd Holzheimer auf die Lebensspur des Satirikers Gerhard Polt.

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          Vorbild Nockherberg: Vor dreißig Jahren wollte sich Löwenbräu an den Erfolg der Paulaner-Brauerei hängen. Man veranstaltete einen dem Derblecken nachempfundenen Kabarett-Abend, den Hanns Christian Müller und Gerhard Polt bestritten. Als sich wegen des Erfolgs fürs nächste Jahr der Landesvater ankündigte, bekamen die Veranstalter kalte Füße und luden Polt aus. Das aber erzürnte Franz Josef Strauß so sehr, dass er sein Kommen absagte - er wäre nur wegen Polt gekommen, ließ er mitteilen. Die Anekdote, die Gerd Holzheimer in seiner soeben erschienenen, absichtsvoll ohne Gattung auskommenden Werkbiographie „Polt“ erzählt, sagt viel aus über den Mentalitätsacker, auf dem dieses Satiregewächs erblühte.

          Polt war damals schon über Bayern hinaus bekannt, weil er 1980 bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises seine zehnminütige Sendezeit ziemlich ohne Worte verstreichen ließ. Damit rächte er sich beim ZDF, das aus einem Polt-Text den Spottnamen „Old Schwurhand“ für den damaligen Innenminister Friedrich Zimmermann gestrichen hatte. Der Skandal befeuerte eine ziemlich singuläre Karriere. In zwei Monaten wird der Satiriker siebzig Jahre alt, da durfte ein Geburtstagsbuch nicht fehlen, wohlwissend, dass der Jubilar rein gar nichts von solchen Sachen hält: Eine Biographie steht seiner Auffassung nach einem lebenden Menschen gar nicht zu. Der Lehrer, Schriftsteller und spätberufene Literaturwissenschaftler Gerd Holzheimer hat sich dennoch mit einigem Ehrgeiz darangemacht, Polt ein Denkmal zu setzen. Dabei liebt er seinen Gegenstand so bedingungslos, dass er sich schwindelig schreibt.

          Erst Straßenkampf, dann Politikwissenschaft

          Am Beginn dominiert Biographisches, soweit es denn rekonstruierbar ist. Zeitzeugen müssen einspringen, denn Polt selbst blieb auch Holzheimer gegenüber bei seiner Linie, von seinem Leben kein Aufhebens zu machen. Im Zweiten Weltkrieg kam er, nur wenige Monate alt, mit seiner Mutter von München nach Altötting. Im Zentrum der bayerischen Marienverehrung erlebte der evangelisch getaufte Bub ohne seinen Vater prägende und unbeschwerte Kinderjahre. Die Metzgerei Steffel in der Alzgerner Straße, der benachbarte Friedhof, das klerikale Milieu - eine erzählerische und szenische Ursuppe, aus der Polt noch Jahrzehnte später schöpfen konnte. In dem Bändchen „Hundskrüppel“ (2004) beschrieb er in unverstellter Derbheit Höhepunkte dieses Gastspiels.

          1948 Rückkehr ins zerstörte München, strawanzen in der Amalienstraße, Straßenkampf mit Jugendbanden, später Schachspieler im Schelling-Salon, achtzehn Semester Politikwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte. Auslandserfahrung in Schweden, Übersetzertätigkeit und irgendwie und durch Zufall ins Erzählen vor Publikum gekommen. Mit Hilfe des sieben Jahre jüngeren Hanns Christian Müller, der zusammen mit Polts späterer Filmpartnerin Gisela Schneeberger die Falckenberg-Schauspielschule besucht hatte, nimmt seine Berufung für die Bühne Gestalt an.

          Die Unabhängigkeit ist sein stärkstes Pfund

          Mitte der siebziger Jahre geht es an Kleintheatern los; der Hessische Rundfunk produziert das erste Hörbild „Als wenn man ein Dachs wär’ in seinem Bau“. Mit der Fernsehserie „Fast wia im richtigen Leben“ kommt im Bayerischen Rundfunk 1979 der Durchbruch. Im selben Jahr lernt Polt die Brüder Well von der Biermösl Blosn und Dieter Hildebrandt kennen - der Altmeister steht gerade vor einem Neubeginn: Als er 1980 den „Scheibenwischer“ anstellt, ist auch Gerhard Polt immer wieder Gast in der wöchentlichen Satiresendung. Er sei stets durch Zufälle „in etwas hineingeruscht“, sagt er ausweichend bescheiden.

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