https://www.faz.net/-gr3-12yob

Gerald Uhlig-Romero: Und trotzdem lebe ich : Gebt mir einen Ort ohne Angst!

  • -Aktualisiert am

Bild: Deutsche Verlags-Anstalt

Auf der Suche nach dem intensiven Leben im Angesicht des vorzeitigen Todes: Gerald Uhlig-Romero, Gründer des Café Einstein in Berlin, berichtet.

          4 Min.

          Die Bundestagsdebatte über die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen erweckte bisweilen den Eindruck, die Hauptsorge schwerkranker Menschen bestehe darin, sichergestellt zu wissen, dass die Wünsche, die sie irgendwann vorher einmal geäußert haben, aufs Jota genau erfüllt werden. Lässt man die Betroffenen selbst zu Wort kommen, erfährt man zumeist anderes. Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung gehören in die Welt der Gesunden, derer, die sich Pläne, Erwartungen und Hoffnungen leisten können. Wer hingegen erleben muss, wie sein Körper verfällt, wem die Zukunft zusammenschnurrt auf den Zeitraum bis zur nächsten Blutuntersuchung und schließlich bis zum nächsten Morphiumpflaster, der hat vor allem die Angst vor der großen Passage zu meistern, die ihm bevorsteht.

          Wer noch nicht vom Wissen um den nahen Tod gezeichnet ist, pflegt über diese Angst nicht zu reden. Unbekannt aber ist sie niemandem, der das Alter erreicht hat, in dem die Abnutzung des Körpers sichtbar zu werden beginnt und die ersten ernsthaften Krankheiten sich einstellen. Thomas Mann – ausgerechnet er! – hat gut reden mit seiner Mahnung, man solle dem Tod keine Macht einräumen über die eigenen Gedanken.

          Eine Lebensaufgabe und eine Diagnose

          Eine eindringliche Schilderung dessen, was es bedeutet, lebenslang krank und der Angst vor einem vorzeitigen Tod ausgesetzt zu sein, hat mit Gerald Uhlig-Romero, dem Gründer des Café Einstein, ein Autor vorgelegt, von dem es ein in den Klischeevorstellungen über Berlin-Mitte befangenes Publikum vermutlich am allerwenigsten erwartet hätte. Seit seiner Kindheit leidet Uhlig-Romero unter starken Schmerzen, deren Ursache sich kein Arzt erklären kann. Nach vielem Hin und Her ist es ihm 1996 endlich gelungen, mit der Eröffnung seines Kaffeehauses die Aufgabe seines Lebens zu finden. Nur wenige Tage später, Gerald Uhlig-Romero ist damals 43 Jahre alt, wird bei ihm jedoch ein erhöhter Kreatininwert festgestellt, der auf ein allmähliches Nierenversagen hindeutet. Um seine hart erkämpfte Ruhe ist es daraufhin mit einem Schlag geschehen.

          „Die Gedanken an das Kreatinin nahmen immer mehr Raum in meinem Kopf ein. Sie begannen, mich zu jagen, einzukreisen und in einen Käfig panikartiger Angstzustände zu sperren. Das ist die Art der Angst, die einen so furchtbar klein macht. Das Wort Kreatinin und die Gedanken dazu blähten sich in meinem Kopf auf wie das Universum, das bis in alle Ewigkeit und mit immer größerer Geschwindigkeit expandiert. Und irgendwann würde ich über diese Ausdehnung meinen Verstand verlieren, das war meine größte Angst.“

          Stationen des Lebens

          Einige Zeit später, bei einem Krankenhausaufenthalt, scheint es tatsächlich so weit zu sein. „Ich will sprechen, aber ich kann nicht. Nur ein Stottern kommt aus meinem Mund. Noch nie ist mir so etwas passiert. Ich kann nicht mehr sprechen. Ist das der Beginn eines Schlaganfalls? Der Arzt beruhigt mich. Auf diesen Zustand hat die Angst gewartet und schlägt erneut mit Panik auf mich ein. Ich zittere wieder, mein Herz schlägt schneller, als mein Blut fließen kann. Bringt mich doch endlich an einen Ort ohne Angst.“

          Ein solcher Ort ist freilich, wie Uhlig-Romero weiß, auf Erden nicht zu finden. „Von meinem Zimmer aus kann ich auch auf das Gebäude der Geburtsstation sehen. In der Nacht höre ich bei geöffnetem Fenster die Gebärschreie von mindestens vier Müttern wie ein Rudel heulender Wölfinnen. Warum kommt neues Leben mit solchen Schmerzen auf die Welt? Und dann wird das Leben mit Angst beladen, bevor es drei Stationen von hier wieder geht, im Sterbebau für die unheilbar Erkrankten.“

          Ein Enzym, das fehlt

          Weitere Themen

          Wenn der Partner Millionär ist

          Beziehungskolumne : Wenn der Partner Millionär ist

          Geldsorgen hatte unsere Autorin nie, aber reich ist sie auch nicht. Ihr Partner dafür umso mehr. In seiner neuen Immobilie könnte sie sich nicht mal das Gäste-WC leisten. Funktioniert eine Beziehung, wenn der eine so viel mehr hat? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.