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Soziologie im Anthropozän : Das Soziale und die Natur lassen sich nicht mehr voneinander trennen

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Auch eine Form, an die fragilen Verhältnisse auf der Erde erinnert zu werden: Verwüstungen nach einem Wirbelsturm im amerikanischen Mayfield, Kentucky, vor knapp einem Jahr. Bild: Picture Alliance

Was erdräumliche Verhältnisse bedeuten: Markus Schroer sieht Nachholbedarf für das Studium von Mensch und Gesellschaft im Anthropozän.

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          Als Bruno Latour Ende der Siebzigerjahre seine ersten Beiträge zur Akteur-Netzwerk-Theorie veröffentlichte, war das mehr als eine Ausweitung der soziologischen Denkzone. Die teils em­pörten Reaktionen aus seinem eigenen Fach verrieten, dass hier jemand eine Ausweitung der Kampfzone begonnen hatte. Latour erntete Kopfschütteln für seine Forderung, zukünftig auch Natur und Technik als mithandelnde Akteure zum Gegenstand der Soziologie zu er­klären.

          Aber dann begann das Anthropozän. Und mit ihm die Suche nach einer Theorie für dieses Zeitalter, die nicht nur die Einheit von Erd- und Menschheitsgeschichte darstellen, sondern diesem Zeitalter auch den Schrecken nehmen sollte. Schließlich ist das Anthropozän in den zwei Jahrzehnten seiner Ausrufung bereits zum Metabegriff für die Krise geworden. Wie könnte die Soziologie dazu beitragen, dass der Mensch im Anthropozän nicht bereits schon wieder verschwindet?

          Markus Schroer zufolge müsste sie zunächst einen fatalen Irrtum korrigieren. Er besteht in der Vorstellung einer zunehmenden Emanzipation des Menschen aus seinen „erdräumlichen“ Verhältnissen. Im Anschluss vor allem an Bruno Latour, aber auch Michel Serres und Donna Haraway, fordert Schroer darum eine „Geosoziologie“, weil sich das Soziale und die Natur kategorial nicht länger unterscheiden ließen. Für die systematische Erfassung des „Gesellschaft-Natur-Kultur-Hybrids“ spricht nicht zuletzt, dass längst auch Disziplinen wie die Geowissenschaften nach Verbindungen in die Soziologie suchen. Das Problem ist nur, dass keiner antwortet. Ansätze, wenigstens das Ganze der Gesellschaft theoretisch zu fassen, sind seit der Archivierung der Systemtheorie Niklas Luhmanns eingestellt worden. Wer in der Soziologie Karriere machen möchte, sollte sich für Genderforschung, Sozialstrukturanalyse oder Migrationsforschung entscheiden. Aber einen soziologischen Beitrag zur Rettung des Planeten leisten? Der Spott, Gaia klinge wie Gaga, dürfte noch auf vielen Soziologentagen für Gelächter sorgen.

          Die Gesellschaftstheorie müsste sich betroffen zeigen

          Natürlich müssen auch im Anthropozän noch Scheidungen erforscht, die Benachteiligung bildungsferner Schichten nachgewiesen und die Distinktionsgewinne der kulturellen Oberklassen zu Theorien der Gesellschaft verdichtet werden. Schroer dagegen sucht den Anschluss des Faches an Anthropologie, Zoologie und Philosophie. Dazu holt er ungeheuer weit aus: Ob Wetter, Klima und Boden, Tiere, Steine und Pflanzen, menschliche wie tierische Behausungen, Pflanzengesellschaften und die Konturen einer posthumanen Gesellschaft, Geopolitik, das Kapitalozän, Viren, Zoo­nosen und Schlachthöfe – überall zieht er Verbindungen, entwirft Netze und eine wechselseitige „Geopraxis“ aller Lebewesen.

          Markus Schroer: „Geosoziologie“. Die Erde als Raum des Lebens.
          Markus Schroer: „Geosoziologie“. Die Erde als Raum des Lebens. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Doch nach der Lektüre der dichten sechshundert Seiten dieses Buches wird leider klar: Die Soziologie selbst kommt darin eigentlich nicht vor. Es gibt noch keine Geosoziologie, und Schroer hat sie auch nicht geliefert. Sein Buch ist darum der äußerst profunde Nachweis einer Leerstelle. Das zentrale Anliegen, der Soziologie eine „intellektuelle Verarmung“ und eine „völlig unnötige Reduzierung ihres Gegenstandsbereichs“ nachzuweisen, gelingt Schroer einwandfrei. Dass das nicht originell ist, sondern von Latour und Haraway stammt, ist aber nicht das eigentliche Problem dieses Buches. Das Problem ist, dass sich Schroer für die heutige Fachsoziologie genauso wenig interessiert wie diese sich für seine Gewährsleute aus Philosophie, Anthropologie, Dichtung und dem Film.

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