https://www.faz.net/-gr3-70ql3

George Dyson: Turing’s Cathedral : Die Herren am Ende der Parabel

  • -Aktualisiert am

Nach ENIAC und MANIAC kam JOHNIAC: Blick in den Speicher des zu Ehren von John von Neumann und seines IAS-Rechners benannten Computers, der 1953 eingeweiht wurde Bild: SPL/Focus

Frei programmierbar muss der Rechner sein: George Dyson erinnert an Alan Turing und rückt John von Neumann ins Zentrum seiner Geschichte von den Ursprüngen der digitalen Welt.

          In seinen stärksten Passagen liest sich „Turing’s Cathedral“ wie ein Werk von Thomas Pynchon. Menschen mit komplizierten Biographien treffen inmitten des Weltenbrands auf fremdartige Maschinen, Ausgeburten eines entfesselten Militärapparats. Der Leser erwartet unwillkürlich, Pynchons archetypischen Militärganoven Seaman „Pig“ Bodine um die Ecke biegen zu sehen, einen Karton mit Elektronenröhren vom Schwarzmarkt unterm Arm, den begehrten Bausteinen der ersten virtuellen Welten in Rundfunk und Rechengerät. Gäbe Bodine dann einen Pynchon-Song über Computer, Bomben, Wahn und Wissenschaft zum Besten, er würde sich nicht seltsamer ausnehmen als das neue Buch von George Dyson.

          Zehn Jahre hat der amerikanische Wissenschaftshistoriker recherchiert, um den Strang der Ereignisse nachzeichnen zu können, die zum Bau des frei programmierbaren Digitalcomputers am Institute for Advanced Study (IAS) in Princeton führten. Als Sohn des Physikers Freeman Dyson, der selbst jahrzehntelang am IAS gearbeitet hat, bewegte er sich auf bekanntem Terrain. Er verbrachte nicht nur seine Kindheit in Princeton, er durfte dort auch vor einigen Jahren als Gastwissenschaftler für sein Projekt recherchieren. Dyson beschreibt, wie sich das digitale Rechnen als primäres Abstraktionswerkzeug von Wissenschaft, Wirtschaft und Militär und damit als Grundlage der neuen Herrschaftstechnik etabliert hat.

          Von-Neumann-Architektur

          Der Titel des Buchs ist leicht irreführend, zumal der britische Mathematiker Alan Mathison Turing von Dyson erst nach über zweihundert Seiten ausführlich vorgestellt wird. Mag sein, dass die Marketingabteilung des Verlags an der medialen Aufmerksamkeit für die Veranstaltungen im Turing-Jahr teilhaben wollte. Der Computer, um den es in Dysons Text hauptsächlich geht, wird aber nicht von Turing gebaut. Vielmehr war John von Neumann, Spross einer mächtigen Budapester Bankiersfamilie, die treibende Kraft hinter der Computerentwicklung am IAS.

          Genie auf vielen Feldern, von der Quantenmechanik bis zur Spieltheorie: John von Neumann (1903 bis 1957)

          Das Mathematikgenie von Neumann sah die Transformation der Wissenschaften durch Digitaltechnik und Computer kommen. Von Neumann interessierte sich nicht nur für die Anwendungen in seinem eigenen Fach, sondern unterstützte auch die Arbeit von Meteorologen und Biologen, die sich mit der neuen Rechentechnik befassen wollten. Anders als andere Theoretiker auf seinem Niveau arbeitete er konsequent daran, seine Konzepte in Hard- und Software verwirklicht zu sehen.

          Mit seinen ausgezeichneten Verbindungen in höchste Kreise von Militär und Regierung schaffte er es, Geld, Material und kongeniale Ingenieure ab 1945 für den Bau des IAS-Computers aus der streng kontrollierten Nachkriegswirtschaft abzuziehen. Der 1953 voll in Betrieb genommene Rechner war einer der ersten Computer, bei denen Programmcode und Daten gemeinsam in einem elektronischen Speicher zur Verarbeitung vorgehalten wurden. Die wesentlichen Konstruktionsprinzipien dieser Maschine wurden unter dem Namen Von-Neumann-Architektur bekannt und bestimmten bis in die PC-Ära hinein den Aufbau der meisten Rechner.

          Kampf um die große Liebe

          Dyson hat seinen Text mit zwei politisch relevanten Erzählsträngen durchwoben. Da ist zunächst die fast durchwegs freundliche, ja empathische Darstellung der Person von Neumanns, die eine Neubewertung dieses wichtigen Akteurs bedeutet. Der Mathematiker war immerhin, wie sein Landsmann und Kollege Edward Teller, Verfechter eines atomaren Erstschlags gegen die UdSSR. Man könnte ihn auch als paradigmatischen Vertreter dessen bezeichnen, was Dwight D. Eisenhower 1961 als militärisch-industriellen Komplex bezeichnen sollte. Im späten Kalten Krieg mit seinen berechtigten Overkill-Schreckensvisionen war diese Position in der Öffentlichkeit entschieden weniger populär als jene von J. Robert Oppenheimer, Albert Einstein oder Norbert Wiener, die eindringlich vor den Folgen eines Atomkriegs warnten.

          Weitere Themen

          Der Gag des Fleischlichen

          Witze über Schwangere : Der Gag des Fleischlichen

          Darf man über wachsende Bäuche Witze machen? Die schwangeren Comedians Amy Schumer und Ali Wong tun es auf der Bühne. Es geht natürlich um mehr.

          Also sprach Sokrates

          Johann Georg Hamann : Also sprach Sokrates

          Ein Buch für keinen und zwei: Mit den „Denkwürdigkeiten“ von 1759 begann Johann Georg Hamanns Karriere als Autor. In Heidelberg entdeckten die versammelten Hamann-Forscher darin jetzt ein Gegenprogramm zur aufgeklärten Öffentlichkeit.

          Topmeldungen

          Anschläge in Sri Lanka : Massenmord an Ostersonntag

          Die Anschläge von Sri Lanka fügen sich ein in das Bild einer neuen terroristischen Internationale, die ihre Taten „ankündigt“. Das müssen die Sicherheitsbehörden ernst nehmen, um der schieren Mordlust zu begegnen.

          Glückwünsche an die Ukraine : Die Präsidentenwahl ist ein positives Signal

          Der künftige Präsident Wolodymyr Selenskyj hat keine politische Erfahrung und wird kaum alles besser machen. Und doch ist die Art und Weise, wie der Machtwechsel stattfindet, eine seltene Errungenschaft im postsowjetischen Raum. Ein Kommentar.

          Witze über Schwangere : Der Gag des Fleischlichen

          Darf man über wachsende Bäuche Witze machen? Die schwangeren Comedians Amy Schumer und Ali Wong tun es auf der Bühne. Es geht natürlich um mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.