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Georg Lukács: Die Seele und die Formen : Die Gattung muss entziffert werden

Bild: Verlag

Der Kritiker als lebensphilosophisch bewegter Platoniker und Neuentdecker fast vergessener Schriftsteller: Zum ersten Band einer Werkauswahl von Georg Lukács.

          3 Min.

          Wir machen uns mitunter gar nicht klar, wie verblasst die Helden sind. Georg Lukács ist so eine außerhalb von Spezialseminaren fast vergessene Größe. Die Wirkung seiner Bücher aber, über die „Theorie des Romans“ von 1916 - als Lukács einunddreißig war - und über „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von 1923, war damals ungeheuer. Der ungarische Denker bahnte einer ganzen intellektuellen Generation den Weg von der Lebensphilosophie in den Marxismus. Die Lebensphilosophie, namentlich Georg Simmel, hatte das moderne Individuum beschrieben als erfüllt von der vergeblichen Sehnsucht nach Naivität, Unmittelbarkeit, erfüllter Existenz. Der Marxismus in Lukács‘ Lesart übersetzte dieses Bedürfnis in eine Kritik der Entfremdung des Menschen von seiner gesellschaftlichen Existenz. Die Warenproduktion durchdringe jedwede Lebensäußerung, lehrte Lukács, weshalb Marx auch keine Wirtschafts-, sondern eine Gesellschaftstheorie geschrieben habe.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Begonnen hatte aber alles nicht mit der Ware, sondern mit der Kunst, bei Lukács mit der Literatur. Wenn es Romane und Gedichte gibt, so kann man das intellektuelle Epochengefühl um 1910 zusammenfassen, dann kann das Leben nicht einfach geführt werden, als gebe es sie nicht. Die Existenz von Kunst betrifft mehr als die Freizeit ihres Publikums, nämlich alle letzten und vorletzten Fragen.

          Schlüsselstellung der Literatur für die Philosophie

          Zugleich weiß Lukács, dass die Literatur eine Sonderwelt ist. Sein einleitender Aufsatz zu „Die Seele und die Formen“ von 1911, in dem er seinen Begriff von Kunstkritik entwickelt, behandelt den Essay als Gattung zwischen Kunst und Philosophie. Nicht Tatsachen, wie in der Kunstwissenschaft, sondern Gesetzmäßigkeiten interessierten den Kritiker, das, was an den Werken über die einzelnen hinausweist, ihre „Fragen an das Leben“. So, wie man Porträts ähnlich finden könne, ohne den Porträtierten zu kennen, so träfe das Kunstwerk eine Wirklichkeit, die ohne das Werk gar nicht bekannt sei. Kritik zielt auf die Benennung dieser Wirklichkeit.

          Das klingt geheimnisvoll, soll es wohl auch sein, mitunter enthalten die Aufsätze dieser Frühschrift mehr Thesen, als ihnen guttut. Doch es gibt auch solche, die nachvollziehbar machen, worin die Schlüsselstellung von Literatur für die Philosophie bestehen soll. Was man von der geschwätzigen und wenig klärenden Einleitung Judith Butlers leider nicht sagen kann: „Die Form, die nicht auf Form reduzierbar ist, hat das Leben als Entstehungsbedingung, doch verkörpert sie auch das Leben, das sie hervorbringt (was dann auch auf spezifische Formen zutrifft).“ Ach, so ist das.

          Eine Welt, die so nie existiert hat

          Demgegenüber ist Lukács überall dort erträglich, wo er nicht bedeutungsvoll und dunkel schön oder mit der Verzweiflungsgeste dessen schreiben will, der sich selbst für eine exemplarische Existenz hält („Von den Zufälligkeiten zur Notwendigkeit, das ist der Weg jedes problematischen Menschen“), sondern Fragen hat. Etwa in seinem Aufsatz über Theodor Storm. Was macht eine Literatur aus, wird dort gefragt, die ohne Qualen, fast handwerklich am Ideal der Vollkommenheit einfachen Erzählens gearbeitet hat, ohne Metaphysik, ohne Aufklärungsabsicht, ohne expressive Geste? Sind Bürgerlichkeit und L’art pour l’art vereinbar? Storm stellt - wie Gottfried Keller - für Lukács den Fall eines Schriftstellers dar, dessen Stoff ein selbstsicheres Bürgertum ist, das seine Stärke darin beweist, dass selbst Schicksalsschläge und Krisen nur Momente seines Alltags bilden. „Diese Menschen sind unfähig, Böses zu tun.“

          Lukács löst also aus der Literatur Aussagen über eine Welt heraus, die so nie existiert hat, die wir aber trotzdem wiedererkennen. Das erklärt die seltsame, waghalsige Selbstzeichnung des Kunstkritikers als „Platoniker“, als habe nicht gerade Platon die Künstler als Nachahmer von Nachgemachtem attackiert. Wer Lukács heute liest, staunt vor allem über diese Erwartung, durch Entzifferung der literarischen Gattungen (Novelle, Tragödie, Dialog) sich in Besitz einer Ethik bringen zu können.

          Er stattet uns mit viel Stoff zum Nachdenken aus

          An der Lyrik Stefan Georges untersucht Lukács die Frage, wie die Welt jemandem erscheint, der sie nicht verachtet und sich doch als vollkommen einsam darstellt. Die romantische Philosophie versteht er als Versuch, Kultur auf Genialität zu gründen, was einen „Panpoetismus“ voraussetzt und zur Frage führt, wie eine Gesellschaft aussähe, in der die Eigenwilligkeit aller populär würde. Die Absage Søren Kierkegaards an seine Geliebte deutet Lukács in einem weiteren Essay als Entscheidung für die Idee der Liebe gegen ihre Wirklichkeit.

          Unter den Autoren, die Lukács kommentiert, sind auch einige, die heute selber fast vergessen sind: Rudolf Kassner, Richard Beer-Hofmann, Paul Ernst und Charles-Louis Philippe. Wer darum prüfen wollte, ob seine Literaturkritik auch ihre Gegenstände zu erschließen vermochte oder „nur“ deren platonische Ideen und Probleme, müsste eine Bibliothek aufsuchen. Eine Literaturwissenschaft, die es längst mehr mit den Gegenständen („Texten“) hat als mit Problemen, stattet Lukács jedenfalls für solche Gänge nach wie vor mit viel Stoff zum Nachdenken aus.

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