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Buch von Georg Lukács : Im Gleichschritt mit der Praxis

  • -Aktualisiert am

Sozialistisches Klassikergedenken: Georg Lukács bei einer Veranstaltung im Rahmen der Schiller-Ehrung in Weimar 1955 Bild: Bildarchiv Pisarek / akg-images

Seine frühen Werke machten ihn berühmt, ihm selbst galten sie später als verfehlt: Ein Band präsentiert Georg Lukács mit unbekannteren, aber zentrale Motive seines Denkens erhellenden Texten.

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          Mitten im Leben war dieser Mensch vom Tod umfangen. Seine Jugendliebe Irma Seidler brachte sich um. Als Volkskommissar der kurzlebigen ungarischen Räterepublik ließ er 1919 Deserteure erschießen. Im Moskauer Exil wurde er Zeuge der stalinistischen Schauprozesse, denen viele seiner innerparteilichen Freunde und Feinde zum Opfer fielen. Sein Bruder wurde 1945 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Imre Nagy, in dessen Reformregierung er 1956 als Minister für Volksbildung eingetreten war, wurde nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands hingerichtet. „Nur soviel: ich lebe. Und das heißt, dass ich nunmehr am Leben bleiben werde“, schrieb Georg Lukács 1911, mit sechsundzwanzig Jahren. Am Leben blieb er bis zum 4. Juni 1971 – mitgefangen, mitgehangen in einem Jahrhundert der Gewalt. Dickfellig schlug er sich durch die Zeit, eigensinnig erfasste er sie in Gedanken.

          Die Biographie, die dieses äußerlich zerrissene, innerlich geschlossene Leben verdient hätte, ist zurzeit wohl noch in Arbeit. Stattdessen erscheint zum heutigen fünfzigsten Todestag ein Band mit Texten von Lukács. Nach der klugen Entscheidung der Herausgeber versammelt er „nicht Ausschnitte aus Hauptwerken, sondern vorrangig weniger bekannte, aber symptomatische Texte“ des Philosophen. Darunter sind freche Nachrufe auf Wilhelm Dilthey („Es wäre eine Übertreibung, Diltheys Tod als unersetzlichen Verlust zu beklagen“) und Georg Simmel („Er war ein Monet der Philosophie, auf den bis jetzt noch kein Cézanne gefolgt ist“), kühle Rezensionen von Büchern Sigmund Freuds und Carl Schmitts, eine skrupulöse Abhandlung über den „Bolschewismus als moralisches Problem“, eine Polemik gegen Philosophen, die sich ins „Grand Hotel Abgrund“ verziehen, ein oberlehrerhaftes Plädoyer für den literarischen „Realismus“, eine Warnung vor der „verhängnisvollen Spaltung von Sozialismus und Demokratie“ aus dem Jahr 1946, eine bewegende Dankesrede zum Goethepreis der Stadt Frankfurt 1970, ein Spiegel-Gespräch über die Studentenbewegung und den Kalten Krieg. Es sei nicht verschwiegen, dass Lukács in diesem Gespräch „die größte Skepsis in Bezug auf die Redefreiheit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zum Ausdruck brachte.

          Ein in jeder Hinsicht reaktionäres Werk

          Mit Lukács’ Hauptwerken, deren Grundzüge in dieser Textsammlung durchaus erkennbar werden, hat es seine eigene Bewandtnis. Sein Aufstieg zum Ruhm begann mit der 1914/15 verfassten „Theorie des Romans“, in der er die „transzendentale Obdachlosigkeit“ des Menschen durch die „abgerundete Totalität“ beheben wollte, die er in der Kunst vorgebildet sah. Noch einflussreicher war das Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von 1923, das nach dem unbestechlichen Zeugnis Maurice Merleau-Pontys „eine Zeitlang die Bibel dessen war, was man den ‚westlichen‘ Kommunismus nannte“. Darin wurde das Gefühl der Verlorenheit zu der Erfahrung des Selbstverlusts unter der Herrschaft des Kapitalismus zugespitzt. Dieser „Verdinglichung“ haben übrigens die Herausgeber der vorliegenden Ausgabe, Axel Honneth und Rüdiger Dannemann, eigene Studien gewidmet.

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