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Kyle Harpers „Fatum“ : Von Geisterschiffen und Gespensterwetter

Das Forum Romanum mit Mondscheineffekt von Gioacchino Altobelli Bild: Katalog „Bella Italia, Fotografien und Gemälde, 1815 bis 1900“

Ist das Römische Reich am Klimawandel zugrunde gegangen? Oder an einer ansteckenden Krankheit? Kyle Harper untersucht in „Fatum: Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“ die Spätantike.

          6 Min.

          Im Frühjahr 536 nach Christus fingen die Menschen im Mittelmeerraum plötzlich an, mehr als sonst über das Wetter zu reden. Sie blickten beunruhigt zum Himmel und fragten sich, was wohl die dichte Dunstschicht zu bedeuten habe, die selbst an wolkenlosen Tagen wie eine Glocke über der Landschaft lag. „Wir alle sehen die Sonne jetzt gleichsam bläulich“, schrieb der römische Chronist Cassiodor ein Jahr später, als das Phänomen schon fast zur Normalität geworden war. „Wir wundern uns, dass mitten am Tag die Körper keine Schatten werfen und dass jene Kraft der stärksten Hitze nur zu einer äußerst lauen Mattigkeit gelangt ist ... Wir hatten einen Winter ohne Stürme, einen Frühling ohne mildes Wetter, einen Sommer ohne Hitze.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Cassiodor ist einer der Kronzeugen für die „Wetteranomalie von 535/536“, wie sie inzwischen allgemein heißt. Die Ursachen für die eineinhalb Jahre dauernde damalige Himmelsverfinsterung sind in der Forschung immer noch umstritten: Einige Wissenschaftler vermuten einen Vulkanausbruch in Asien oder Südamerika, andere eine Folge von Meteoriteneinschlägen auf der Nordhalbkugel. Fest steht, dass es um 540 zu einem weiteren seismischen Zwischenfall kam, der eine zweite Aerosolschicht in die Atmosphäre schleuderte. Sicher ist auch, dass sich durch beide Ereignisse das Weltklima auf katastrophale Weise veränderte.

          In Irland und Kalifornien stellten die Bäume ihr Wachstum ein. In China fiel Schnee im August. In Peru wurde die Moche-Kultur durch anhaltende Dürren geschwächt. In Nordeuropa und rings um das Mittelmeer verfaulte das Getreide auf den Feldern. In Skandinavien schrumpfte die Bevölkerung um die Hälfte. In Italien, wo ein ostgotisches Heer das von byzantinischen Truppen gehaltene Rom belagerte, breitete sich Kannibalismus aus. In Syrien und Palästina schrumpften blühende Städte zu Dörfern, der Weinanbau in den Wüstenregionen erlosch. Nach einem ersten Rückgang von zweieinhalb Grad Celsius um 536 fiel die sommerliche Durchschnittstemperatur in Europa vier Jahre später um weitere 2,7 Grad. Das Jahrzehnt vor 545 wurde zum kältesten der letzten zweitausend Jahre.

          Es lag am Wetter

          Die Wetteranomalie von 536 ist ein zentrales Glied in der Beweiskette, die der amerikanische Althistoriker Kyle Harper in seiner Studie „Fatum“ aufmacht. Harper, Professor an der Universität von Oklahoma, will eine Frage beantworten, die die Geschichtswissenschaft seit ihren Anfängen umtreibt: Wie konnte es sein, dass das römische Weltreich unterging, dass auf die antike Zivilisation das rohe Mittelalter folgte? Die Antwort, die er auf dreihundertfünfzig mit Karten und Tabellen gespickten Buchseiten gibt, kann niemanden überraschen: Es lag am Wetter.

          Dabei kommt Harper zupass, dass die Klimaforschung zur Spätantike in jüngster Zeit große Fortschritte gemacht hat. Der Begriff des „Late Antique Little Ice Age“, der spätantiken Kleinen Eiszeit, ist dabei, sich als Bezeichnung für die europäische Kälteperiode vom sechsten bis zum frühen neunten Jahrhundert durchzusetzen, so wie sich auch die Rede vom „Klimaoptimum der Römerzeit“ für die Jahrhunderte um Christi Geburt allmählich etabliert. Das Drei-Stufen-Modell, das Harper in „Fatum“ konstruiert, indem er zwischen das römische Optimum und die spätantike Abkühlungsphase eine dreihundertjährige Übergangszeit einschiebt, ist also keine reine Spekulation, sondern eine naheliegende Denkfigur.

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