https://www.faz.net/-gr3-zya3

: Geht die Ära der Blockbuster zu Ende?

  • Aktualisiert am

Nicht etwa die Hirnforschung, sondern die Pharmaindustrie "verändert das Denken der Menschen der kommenden Generationen", behauptet einer, der es wissen muss: Der Ex-Pharmamanager John Virapen ist einer, der auspackt, um das Fürchten zu lehren; ausgestiegen aus dem Karussell um die Möglichkeiten ...

          4 Min.

          Nicht etwa die Hirnforschung, sondern die Pharmaindustrie "verändert das Denken der Menschen der kommenden Generationen", behauptet einer, der es wissen muss: Der Ex-Pharmamanager John Virapen ist einer, der auspackt, um das Fürchten zu lehren; ausgestiegen aus dem Karussell um die Möglichkeiten von Wissenschaft und Absatzmarkt oder, so könnte man in seinem Sinne sagen, aus dem wohlkalkulierten Spiel mit der Angst um Gesundheit. Aussteiger aus als korrupt oder gefährlich geltenden Systemen werden nachmals oft zu deren schärfsten Anklägern. Man wird seinen Bericht mit Vorsicht zu genießen haben, ohne seinen Aussagen in der Sache deshalb weniger Gehör zu schenken.

          Das Buch erzählt zwei ineinander unschön verflochtene Geschichten. Da ist zunächst der entwicklungsromanhafte Werdegang des John Virapen. Offen, in schlichter und damit authentisch wirkender Sprache berichtet dieser von seinem Leben und Wirken als zunächst kleiner Pharmareferent, der sich mit viel Willen, Ellbogeneinsatz und auch Geschick nach oben arbeitet. Sein Ziel ist der Erfolg, gesichert durch unmoralische, bisweilen auch illegale Tricks sowie zunehmenden Druck von außen; schließlich folgen Abstieg und Ausstieg. Das wäre, für sich genommen, noch nicht weiter lesenswert, gäbe es da nicht die daran gekoppelte Erfolgsgeschichte eines Medikaments, das in einem doppelten Sinne in der Lage ist, das Bewusstsein oder eben das Denken zu verändern - durch seine psychologische wie seine physiologische Wirkung.

          Reden wir über die Depression

          Ein kommerziell äußerst erfolgreiches Medikament heißt in der Fachsprache Blockbuster. Ursprünglich bezeichnete man damit im Zweiten Weltkrieg eine Luftmine, die ganze Wohnblocks leerfegte. Die darin enthaltende Sprengwirkung wird heute auf wirtschaftlichen Erfolg übertragen, weithin bekannt aus der Filmbranche. Zum Blockbuster wird ein Medikament dann, wenn es vergleichbare Arzneien aus den Regalen verdrängt oder alternative Behandlungsmethoden derart in Frage stellt, dass jeder vermeintlich Betroffene überzeugt wird, nur dieses Mittel zur Linderung seiner Leiden schlucken zu können. Dass Konsumverhalten manipuliert wird, ist nichts Neues; heikel wird es jedoch, wenn die Manipulation, aufbauend auf Ängsten und Sorgen, auf Stimmungen und Verstimmungen, einem pharmazeutischen Mittel den Boden bereitet, das seinerseits zur Behandlung ebendieser Ängste und Verstimmungen eingesetzt wird.

          Mit anderen Worten: Die Pharmaindustrie entwickelt und produziert nicht nur ein neues Mittel - als Beispiel berichtet Virapen etwa von der Zulassung und Markteinführung neuerer Antidepressiva -, sondern einen ganzen Markt, der das Gefühl vermittelt bekommt, krank und behandlungsbedürftig zu sein; in der Fachsprache heißt dieser Mechanismus disease mongering, das Erfinden einer Krankheit durch Erweiterung der Krankheitskriterien.

          Nun geht selbst Virapen natürlich nicht so weit, Krankheiten zu leugnen, also etwa zu behaupten, dass Depressionen reine Erfindungen sind. Aber er kritisiert, wie das Spektrum derer, die zum Beispiel depressiv genannt und damit behandlungsbedürftig werden, sich ausgeweitet hat. Was Medikamente - und gerade solche, die gezielt auf die Psyche wirken - von manch anderen Konsumgütern unterscheidet, sind die sogenannten "Risiken und Nebenwirkungen" (die ja in Wirklichkeit "Wirkungen" sind), zu deren Beurteilung ein Arzt oder Apotheker hinzugezogen wird. Doch Vertreter dieser Berufsstände sind, wie Virapen darlegt, allzu oft von der Pharmaindustrie eingemeindet. Problematisch zum anderen ist die tägliche, schnell zur Gewohnheit gewordene Einnahme einer Substanz, deren Langzeitwirkungen nicht zuletzt auf das Gehirn noch nicht abzusehen sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sandra Maischberger mit ihren Gästen

          TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Pest oder Cholera

          In Großbritannien wird gewählt – und Sandra Maischberger bemüht sich in ihrer Sendung, den Zuschauern einige Hintergründe zu vermitteln. Im Dickicht der sonstigen Themen der Woche funktioniert das aber nur mit Einschränkungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.