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Sachbuch von Eva Illouz : Unsere Gefühle in höchster Gefahr

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Die drei abendfüllenden Vorträge der Frankfurter Adorno-Vorlesung sind in einer eingängigen Übersetzung bei Adornos Hausverlag erschienen.

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          Während sich die Gründer des Instituts für Sozialforschung noch der Sexualität zuwandten, um auszuloten, wie die Natur des Menschen am ökonomischen System Schaden nimmt, wird dieser Kasus heute lieber unter dem Stichwort der "Emotionen" verhandelt. Mit ihrer vielbeachteten Studie über den "Konsum der Romantik", die in der Schriftenreihe des Frankfurter Instituts veröffentlicht wurde (F.A.Z. vom 7. Oktober 2003), hat die in Israel lehrende Soziologin Eva Illouz der Debatte um die emotionalen Nebenwirkungen des Kapitalismus eine nicht ganz unerwartete Wendung gegeben: Am Beispiel der romantischen Liebe, jener vermeintlichen Bastion des Unkalkulierten, erläuterte sie, daß der Markt nicht etwa einen natürlichen Reichtum des Gefühls austrockne, sondern daß er das Gefühlsleben umgekehrt durch seine Produkte bereichere und kultiviere.

          Anfang letzten Jahres hielt Illouz die gemeinsam vom Institut für Sozialforschung und dem Suhrkamp Verlag veranstaltete dritte Frankfurter Adorno-Vorlesung. Die drei abendfüllenden Vorträge, die wegen der Geburt eines Kindes um einige Monate verschoben werden mußten, sind jetzt in einer eingängigen Übersetzung bei Adornos Hausverlag erschienen (Eva Illouz: "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus". Adorno-Vorlesungen 2004. Aus dem Englischen von Martin Hartmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 170 S., br., 14,80 [Euro].) Der Bezug auf den Vater der Kritischen Theorie, so merkt man von Vorlesung zu Vorlesung immer deutlicher, hat aber offenbar Illouz' Vertrauen in die friedliche Koexistenz von Warenform und wahrem Gefühl erschüttert. Die "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus", zumindest des vom Internet medial durchdrungenen Kapitalismus, schweben ihrer Darstellung des "spätkapitalistischen emotionalen Stils" zufolge nun doch in höchster Gefahr.

          Dabei beginnt alles recht versöhnlich mit dem Siegeszug der Psychoanalyse in den Vereinigten Staaten. Durch Vermittlung des C.-G.-Jung-Schülers Elton Mayo traf die Lehre vom Unbewußten dort in den zwanziger Jahren auf Bestrebungen, die Führung von Unternehmen mit Hilfe psychologischen Wissens effizienter zu gestalten. Was Adorno noch wie eine Instrumentalisierung der psychoanalytischen Technik für die falschen, profitmaximierenden Zwecke erschienen sein muß, konstruiert Illouz als Teil einer fast spiegelbildlichen Emanzipation der Geschlechter: So wie die "therapeutische Kultur" den Feminismus rund vierzig Jahre später in die Lage versetzte, das Machtgefälle in Intimbeziehungen einzuebnen, bewirkte sie im Unternehmen nicht nur eine Demokratisierung der Arbeitsverhältnisse, sondern angeblich auch eine "Neuausrichtung der Maskulinität auf weibliche Selbstmuster".

          Schon in der zweiten Vorlesung aber entwickelt die Geschichte vom "Aufstieg des Homo Sentimentalis" einen herben Beigeschmack. Illouz macht hier deutlich, wie schlecht sich Emotionen eigentlich im therapeutischen Diskurs verflüssigen lassen und wie wenig Kommunikation überhaupt zu deren "situativer und indexikalischer" Natur paßt. Durch "das Einsperren der Emotionen in die geschriebene Sprache" würden Gefühle aus ihrem leiblich gebundenen Zusammenhang gerissen und verdinglicht. Diese etwas unmoderne Sprachskepsis verbindet die Autorin mit der postmodernen These von der "Performativität des therapeutischen Narrativs": Der zum Beispiel in Form von Psychotherapien, Ratgeberliteratur oder Talk-Shows institutionalisierten Sorge um das eigene Selbst schreibt sie die Macht zu, das Leiden, über das zum Zweck der "Selbstverwirklichung" unablässig gesprochen und geschrieben werden muß, gleichzeitig zu produzieren. Deshalb ist die Psychologie für Illouz nicht nur die Schule emotionaler Kompetenz, sondern, frei nach Karl Kraus, auch die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.

          In der virtuellen Welt der Internet-Partnerschaftsdienste (dritte Vorlesung "Romantische Netze") verliert Illouz aber endgültig die Geduld mit dem spätkapitalistischen Subjekt. Wo sie erwartet, die Konturen postmoderner Identitäten im Rollenspiel verschwimmen zu sehen, begegnet ihr in standardisierten "Profilen", mit deren Hilfe die Online-Suchdienste ihre Nutzern passende Partner zuordnen, nichts als die alte Illusion einer festumrissenen Identität. Ihre auf psychologischem Wissen basierende schriftliche Selbstauslegung ist für Illouz Inbegriff der Selbstentfremdung. Die invertierte Form des Kennenlernens, die sich vom abstrakten Wissen der Profile, über den Chat und das Telefonat erst allmählich zur konkreten Wahrnehmung des anderen vortastet, verschärft angeblich das Problem, weil sie unser intuitives Urteil (Liebe auf den ersten Blick) korrumpiert. "Verbales Überschatten" nennen Kognitionspsychologen eine solche Störung "visueller Prozesse".

          Weil das Internet der Phantasie keine körpergerechten Grenzen mehr setzt, so Illouz' Fazit, wird hier die Utopie unstrategischer Zweisamkeit, die sich mit der Warenwelt ganz gut arrangiert hatte, am Ende doch geopfert. Wer nicht ganz so viel Vertrauen in die Weisheit körperlicher Reaktionen, dafür aber etwas mehr Spaß an ihnen hätte, könnte es sich vielleicht leisten, das Projekt romantischer Liebe auch im Reich hyperrealer Zeichen weiterzuverfolgen.

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