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: Gefälschte Gesichter: Die Maskenspiele des Fotografen Anton Corbijn

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Brian Jones ist tot. Seit fast vierunddreißig Jahren. Einen Monat, nachdem er die "Rolling Stones" verlassen hatte, die Band, deren Erscheinungsbild er zu Anfang mehr geprägt hat als Mick Jagger, ertrank er in der Nacht zum 4. Juli 1969 nach dem Genuß von reichlich Drogen in seinem Swimmingpool. ...

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          Brian Jones ist tot. Seit fast vierunddreißig Jahren. Einen Monat, nachdem er die "Rolling Stones" verlassen hatte, die Band, deren Erscheinungsbild er zu Anfang mehr geprägt hat als Mick Jagger, ertrank er in der Nacht zum 4. Juli 1969 nach dem Genuß von reichlich Drogen in seinem Swimmingpool. Der Holländer Anton Corbijn (Jahrgang 1955), Freund und Fotograf der "Rolling Stones" seit vielen Jahren, hat den häufig als narzistisch beschriebenen Gitarristen nie kennengelernt. Und doch hat er ihm nun eine Aufnahme gewidmet: als Spiegelung im Wasser unter einem Steg, die Hand sachte ausgestreckt nach der eigenen Reflektion, den Blick fast melancholisch fokussiert auf die Unendlichkeit (unsere Abbildung). Für das Foto ist Corbijn selbst in das Kostüm des Musikers geschlüpft.

          Pop ist Pose. Und wer versucht, sie zu durchkreuzen, erweitert oft genug einfach nur den ikonographischen Vorrat des subkulturellen Glamour. Es ist deshalb gleichgültig, ob die Helden der Leinwand und Musikbühnen auf Fotografien im gleißenden Atelierlicht strahlen wie Heiligenfiguren oder sich kaum wahrnehmbar aus dem Dämmer schummriger Gassen schälen, ob sie selbstsicher in die Kamera lachen oder ob sich in ihrem Konterfei der Schmerz einer zerrissenen Künstlerseele zeigt: Keine Weise, sich der Prominenz zu nähern, und sei sie noch so hintergründig, ist der Gefahr enthoben, innerhalb des medialen Spiels augenblicklich zur Konvention zu erstarren. Der Star ist ein Star ist ein Star. Daran wird auch die innovative Ästhetik eines seriösen Fotokünstlers nichts ändern. Die Arbeit mit der Prominenz ist deshalb immer ein Balanceakt zwischen Anspruch und Klischee.

          Anton Corbijn fotografiert seit mehr als einem Vierteljahrhundert die Großen des Showgeschäfts. Die Liste derer, mit denen er zusammengearbeitet hat, geht in die Hunderte und liest sich wie ein Who-is-Who des Pop. Seine Aufnahmen füllen ein halbes Dutzend großformatiger Bildbände, zieren die Plattenhüllen der Mega-Bands und hängen längst auch in Museen. Ursprünglich, so erzählt er mit entwaffnender Ehrlichkeit, war ihm die Fotografie nur Mittel, sich mit gutem Grund in der Welt der Musik bewegen zu können, Musikern nahe zu sein. Folgerichtig hatten seine ersten Bilder auch eher dokumentarischen Charakter. Erst allmählich begann er bei seiner Arbeit, Anweisungen zu geben, zunächst bei Porträts, später bei den Inszenierungen seiner "Fake Documentaries". Dafür nutzte er die Neigung der Prominenz zur Selbstdarstellung für rätselhafte Szenen gespielter Privatheit: Aufnahmen im Schnittpunkt von Familienmotiven und den Schnappschüssen eines Paparazzo. Von jeher aber schimmerte durch sein gesamtes OEuvre vor allem die eine Frage hindurch: Was ist Maske, was Wahrhaftigkeit?

          Es ist nicht übertrieben, Corbijn mittlerweile selbst einen Star zu nennen. Deshalb nun also Selbstporträts? Keineswegs. "A. Somebody", seine jüngste Bildserie wandfüllender Abzüge, die er als Buch in Anspielung auf fromme Werke in schwarzes Kunstleder gebunden und auf drei Seiten mit Goldschnitt versehen vorlegt, ist der Versuch einer Standortbestimmung, eher der Selbstbefragung als der Selbstvergewisserung: "Anton Irgendwer".

          Corbijn hat sich für diese Werkgruppe den Physiognomien einundzwanzig verstorbener Rockmusiker anverwandelt. Dabei wurde er von einer Maskenbildnerin so überzeugend unterstützt, daß man ihn oft nicht einmal mehr als Andeutung in den Figuren erkennt, sondern tatsächlich John Lennon, Frank Zappa und Kurt Cobain, Bob Marley, Jimi Hendrix oder sogar Janis Joplin zu sehen glaubt. Jedes Mal ein neues, berühmtes, gefälschtes Gesicht - doch in den meisten Fällen derselbe nachdenkliche Blick.

          Corbijn inszeniert in seinem Maskenspiel Momente von verwirrender Banalität und bemerkenswerter Suggestionskraft zugleich. Meist sind es Augenblicke der Selbstverlorenheit, bisweilen des Zweifels, und es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wie er - gleich einem viel zu frühen Alterswerk - hier das Resümee seiner Arbeit zu ziehen scheint. Mit den Toten kommentiert er den Kult um die Stars und damit auch die Rolle der Fotografie. Es ist, als habe er Motive schaffen wollen von einer Intimität, die den Fotografen gewöhnlich vorenthalten bleibt. Und doch gerinnt ihm die vermeintliche Nähe wie kalkuliert noch jedesmal zur Pose.

          Der Wahrheit ist Corbijn wohl in keiner Arbeit näher gekommen als in den gefälschten Prominentenporträts, inszeniert allesamt in der kleinen Ortschaft Strijen, wo er als Kind gelebt und von der großen Welt geträumt hat. Es ist die Wahrheit der Fotografie: daß sie noch jeden betrügt, selbst den Fotografen. (Anton Corbijn: "A. Somebody, Strijen, Holland". Verlag Schirmer/Mosel, München 2002. 84 S., Abb., geb., 48 [Euro].)

          FREDDY LANGER

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