https://www.faz.net/-gr3-t4xg

: Gedenke, was Amalek dir angetan

  • Aktualisiert am

In einem der vielen Blogs im Internet, die Israels Reaktion auf die Entführung zweier Soldaten an der Nordgrenze des Landes und den Raketenbeschuß aus dem Libanon kommentieren, findet sich der Vergleich der Hizbullah mit Amalek. Da es heute mit den Bibelkenntnissen so eine Sache ist, hier kurz die Geschichte, wie sie das Alte Testament (Ex.

          3 Min.

          In einem der vielen Blogs im Internet, die Israels Reaktion auf die Entführung zweier Soldaten an der Nordgrenze des Landes und den Raketenbeschuß aus dem Libanon kommentieren, findet sich der Vergleich der Hizbullah mit Amalek. Da es heute mit den Bibelkenntnissen so eine Sache ist, hier kurz die Geschichte, wie sie das Alte Testament (Ex. 17) erzählt: Nachdem das Volk Israel aus Wassermangel gegen seinen Führer Moses rebelliert und seinen Gott angezweifelt hatte, wurden sie von den Amalekitern überfallen. Moses beauftragte Josua mit der Abwehrschlacht, die dieser mit Gottes Hilfe nach schweren Kämpfen gewann. Der Sieg sollte nach dem Willen des Herrn für alle Zeiten schriftlich festgehalten werden: "Denn ich will Amalek unter dem Himmel austilgen, daß man seiner nicht mehr gedenke."

          Diese und noch eine weitere Stelle (Dtn. 25, 17 bis 19) begründen das im Laufe der jüdischen Geschichte immer wieder angeführte und auch in Frage gestellte Gebot, Amalek auszulöschen, obwohl dieses biblische Volk längst aufgehört hat zu existieren. An die Stelle der Amalekiter traten andere Feinde des auserwählten Volkes, wie jetzt ein israelischer Historiker, der an der religiösen Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv unterrichtet und Spezialist für die Geschichte der Juden in der Renaissance ist, in seiner eindrucksvollen Darstellung jüdischer Legendenbildung dokumentiert.

          Nachfolger der Amalekiter waren zunächst die ärgsten Verfolger des Diaspora-Judentums, die Christen. In antijüdischen Schriften wird diese "böswillige" Gleichsetzung den Juden immer wieder zum Vorwurf gemacht, um so das eigene Mißtrauen zu rechtfertigen und die angebliche Verstocktheit der Juden, aber auch die vermeintliche Gefahr, die von diesem Volke ausgeht, herauszustreichen. Daß fromme Juden bis in die Neuzeit hinein das Gebot, Amalek auszulöschen, ernst nahmen und es in symbolische Handlungen einbezogen, macht das folgende Beispiel deutlich. Ein bekannter litauischer Anhänger des jüdischen Messias Sabbatai Zevi testete zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts einen neuen Federkiel, indem er zunächst "Amalek" in hebräischen Buchstaben auf das Papier schrieb und dann das Wort mit zwei Federstrichen durchkreuzte, um so das Andenken an den einstigen und gegenwärtigen Feind auszulöschen. Dieser Brauch hielt sich bis weit in das zwanzigste Jahrhundert, wie eine amerikanische jüdische Schriftstellerin in ihren Kindheitserinnerungen beschreibt.

          Warum ausgerechnet orthodoxe Christen, die Armenier, bereits seit dem zehnten Jahrhundert bei den Juden in dem Ruf standen, Nachfolger der Amalekiter zu sein, ist nicht einfach zu erklären. Neben Konkurrenzneid spielt auch die Legende eine Rolle, wonach Haman, der Erzbösewicht der Esther-Geschichte, ein Armenier gewesen sei. Im zwanzigsten Jahrhundert wechselten erneut die Feinde Israels, die man mit Amalek verglich. Zunächst waren es die Nationalsozialisten. Der im Holocaust umgekommene jüdische Historiker Simon Dubnow (1860 bis 1941) schrieb kurz vor seinem Tod an einen Freund, daß "wir uns jetzt in einem Krieg mit Amalek" befinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es unter anderem die Araber, insbesondere die Palästinenser, die von radikalen jüdischen Siedlern als Amalekiter bezeichnet wurden.

          Am Sabbat vor dem jüdischen Purim-Fest, das an die wundersame Rettung der Juden unter der Herrschaft des persischen Königs Artaxerxes (Ahasveros) erinnert, liest man die Bibelstelle "Gedenke, was Amalek dir angetan hat". Das oft als jüdischer Karneval bezeichnete Purim-Fest, in dessen Mittelpunkt die Lesung der Esther-Geschichte steht, bot, wie Horowitz zeigt, die Möglichkeit, sich an seinen Feinden zu rächen - und sei es nur symbolisch.

          Wenn Friedrich der Große in seinem Juden-Reglement von 1750 insbesondere die "ungebührlichen Ausschweifungen" an diesem jüdischen Festtag verbot, so war damit nicht nur das bunte, karnevaleske Treiben gemeint. Bereits im Mittelalter kam es am Purim-Fest immer wieder zu blutigen Zusammenstößen zwischen Juden und Christen, weil Juden das Kreuz bespuckten oder in anderer Weise das Christentum rituell verhöhnten. Daß solche Vorfälle nicht nur der christlichen Einbildungskraft entsprangen, sondern sich oft tatsächlich abgespielt haben, auch wenn das von der jüdischen Geschichtsschreibung lange mit dem Mantel des Schweigens bedeckt worden ist, wird von Horowitz an vielen Beispielen quellenkritisch belegt.

          Kein Wunder also, daß das Esther-Buch wegen solcher Gewaltexzesse und anderer Formen ungebührlichen Verhaltens unter christlichen, aber auch jüdischen Theologen immer wieder mit Argwohn und Unverständnis betrachtet wurde. Bereits in der Haskalah, der jüdischen Aufklärung, regten sich Stimmen, die dieses umstrittene, zu Mißverständnissen führende Fest aus dem jüdischen Kalender streichen wollten. Doch bis heute feiert man in aller Welt Purim. Daß man dies spätestens seit 1994 nicht mehr unbeschwert kann, ist die Meinung von Elliott Horowitz, der wie viele Israelis geschockt war, als in Hebron der jüdische Siedler Baruch Goldstein mit einer halbautomatischen Waffe am Purim-Fest, das in jenem Jahr mit dem ersten Freitag des Ramadan zusammenfiel, in eine benachbarte Moschee eindrang und kaltblütig 29 Araber, die dort beteten, erschoß. "Seitdem", so Horowitz, "war für mich und viele andere Purim nie mehr so wie früher."

          ROBERT JÜTTE

          Elliott Horowitz: "Reckless Rites". Purim and the Legacy of Jewish Violence. Princeton University Press, Princeton, Oxford 2006. 340 S., geb., 31,50 [Euro].

          Weitere Themen

          Trumps Logik heißt Trump

          FAZ Plus Artikel: Interview über neues Buch : Trumps Logik heißt Trump

          Gibt es eigentlich ein Muster hinter dem Verhalten des amerikanischen Präsidenten? Die Pulitzer-Preisträger Philip Rucker und Carol Leonnig im Gespräch über ihr neues Buch „Trump gegen die Demokratie – ,A Very Stable Genius‘“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.