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Gedankenexperiment : Wollt ihr die totale Wellness?

  • -Aktualisiert am

Ein beneidenswertes Opfer des Wellnessregimes. Bild: dpa

Arbeit an der gesundheitlichen Selbstoptimierung: Für die Organisationstheoretiker Carl Cederström und André Spicer ist der Wille zur Fitness eine Ideologie geworden.

          Essen Sie stets gesund? Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie gegen Ihren Fitnessplan verstoßen? Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie krank sind? Dann haben Sie vielleicht das Wellness-Syndrom. Ein Syndrom, das sich für die beiden Organisationstheoretiker Carl Cederström und André Spicer im Verfolgen eines rigiden Fitnessplans, gepaart mit Angst, Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen, manifestiert. Man zieht es sich zu, wenn man beginnt, seinen Selbstwert über gelaufene Kilometer und absolvierte Workouts zu definieren. Für Cederström und Spicer hat sich die vernünftige Sorge um gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung längst in eine Doktrin verkehrt: Gesund und glücklich zu sein ist Pflicht und das Fitnessprogramm der Weg dorthin.

          Als Gegenbild der „Wellness-Gesellschaft“ zeichnen die Autoren das Bild des Arbeiters im „fordistischen Kapitalismus“ der fünfziger Jahre: Sein Job ist sicher, doch er zahlt dafür mit Monotonie, Langeweile und nicht selten mit seiner Gesundheit. Der neue Geist des Kapitalismus setze hingegen auf Individualität und die permanente Konkurrenz. Man darf sich nicht nur verwirklichen, man muss es. Die eigenen Stärken erkennen, das Beste aus sich herausholen, stets an der eigenen Optimierung arbeiten. Dazu wird schon in den Grundschulen Yoga zur Stressreduktion unterrichtet, lassen Universitäten die Studierenden Wellness-Verträge unterschreiben, verlegen Unternehmen und Behörden Meetings an die frische Luft, zeichnen die besten Läufer aus und bieten den Beschäftigten Beratung durch Life- und Fitness-Coaches.

          Der naheliegende Verdacht, die Unternehmen täten dies nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern um den Profit zu steigern – gesunde und glückliche Mitarbeiter sind die produktivsten Mitarbeiter –, ist den Autoren zu oberflächlich. Wer wollte etwas dagegen haben, wenn motivierte und angemessen bezahlte Mitarbeiter mit einer interessanten Tätigkeit in einem erfreulichen Umfeld den Profit ihrer Firma steigern?

          Studien dienen als Instrumente des Neoliberalismus

          Tatsächlich geschehe unter dieser Oberfläche jedoch mehr: eine Entpolitisierung und Entsolidarisierung der ganzen Gesellschaft. Denn die Glücks-Doktrin, die Autoren sprechen auch von Biomoral, besage vor allem: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ob Arbeitslosigkeit, Krankheit oder schlechte Wohnlage, ob Unzufriedenheit oder Traurigkeit: man kann etwas dagegen tun. Und diese Tätigkeit besteht nicht in politischem Protest, in gewerkschaftlicher Solidarisierung, in Nachbarschaftshilfe, in der Pflege von Freundschaften, sie besteht darin, einem Fitnessplan zu folgen. Wer trotzdem arbeitslos, krank oder depressiv wird, hat eben nicht hart genug an sich gearbeitet.

          Die Autoren buchstabieren ihre Diagnose anhand verschiedener Entwicklungen aus, etwa der Karriere des Coachings, das jedem die Idee einflüstern will, man müsse nur das verborgene eigene Potential entdecken, und alles werde gut. Und anhand der Karriere der Positiven Psychologie, deren Glücksstudien regelmäßig zu dem seltsamen Ergebnis kommen, Lottogewinne machten nicht glücklich und Schicksalsschläge nicht unglücklich. Für die Autoren sind solche Studien Instrumente des Neoliberalismus: Warum, so fragen sie, ließ David Cameron im Zeiten der tiefsten Wirtschaftskrise Glücksumfragen anstellen? Ihre These: Weil dabei herauskommt, dass Geld nicht glücklich macht, also können Umverteilungsmaßnahmen auch unterbleiben.

          Gewiss, Cederström und Spicer diskutieren Extreme, die sie bislang eher auf dem amerikanischen und britischen Arbeitsmarkt finden. Viele ihrer Argumente betreffen die Arbeitsplätze der gefragten Kopfarbeiter, nicht die der vielen Beschäftigten, deren Individualität heute genauso wenig gefragt ist wie vor fünfzig Jahren und die ihre Arbeitsschutzbestimmungen den Gewerkschaften verdanken, nicht der Wellness-Bewegung. Aber in dieser Zuspitzung ist das Buch auch ein Gedankenexperiment: Auf welchen Weg geraten wir, wenn aus dem Ein-wenig-auf-die-Gesundheit-Achten eine Ideologie wird, die unseren Marktwert bestimmt? Im letzten Kapitel geht es um die Erleichterung, die ganze Verantwortung einmal an eine Krankheit abtreten zu dürfen, und um Anti-Wellness-Bewegungen. Das Pendel lediglich ins andere Extrem schwingen zu lassen dürfte allerdings kaum ein attraktives Mittel gegen das von den Autoren diagnostizierte Syndrom sein.

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