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: Geben Sie Ihrem Herzen einen Schwung, stürzen Sie sich übers Endspiel-Wochenende nach Paris

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Nehmen wir an, die ganze Stadt, von der hier die Rede ist, sei eine freie Erfindung nachträglich. Die Bastille: ein Gefängnis, speziell erbaut, um geschleift zu werden. Der Jardin du Luxembourg: nicht Schloßgarten, sondern Kulisse für Godards Schwarzweißfilme. Der ferne Montmartre: eine längst eingemeindete Künstler-, dann Touristenkolonie.

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          Nehmen wir an, die ganze Stadt, von der hier die Rede ist, sei eine freie Erfindung nachträglich. Die Bastille: ein Gefängnis, speziell erbaut, um geschleift zu werden. Der Jardin du Luxembourg: nicht Schloßgarten, sondern Kulisse für Godards Schwarzweißfilme. Der ferne Montmartre: eine längst eingemeindete Künstler-, dann Touristenkolonie. So lesen wir oft Städte, heute. Wir meinen Geschichte und sprechen von Gegenwart - eine Gegenwart, in der die Orte endgültig ein Etikett ihrer Identität tragen. Es gab große Lehrmeister dieser Städtebetrachtung. Nie mehr werden wir durch die Pariser Geschäftspassagen der Baudelaire-Zeit spazieren können, ohne Walter Benjamins grandiose Theorie dazu im Kopf zu haben.

          Das vorliegende Buch bietet einen anderen Zugang. Die Stadt ist nicht Etikettträger ihrer Vergangenheit, sondern ein Prozeß der permanenten Selbsterfindung. Alles ist im Fluß. Die beschriebenen Straßenzüge, Häuser, Lokale sind stets nur Varianten dessen, was war, kam, hätte kommen können. Der Autor läßt ausführlich Zeitzeugen und Romanfiguren zu Wort kommen, spricht aber ebenso gern auch als Eigensubjekt. Seine in den Text eingefügten handgezeichneten Quartierskizzen zeigen gestrichelt, wie die Straßenverläufe waren gleich vor oder nach dem geschilderten Moment.

          Die Betrachtung hebt an mit einer "Psychogeographie der Grenzen": einem Erklärungsversuch dazu, wie der Ortswechsel in einer gegebenen Stadttopographie bald haarscharf, bald fließend sich anzeigt. Wie kommt es, daß etwa die Pension Vauquer in Balzacs "Vater Goriot" am Südhang des Sainte-Geneviève-Hügels noch irgendwie im Quartier Latin liegt, während der vor der Kirche Notre-Dame de Lorette stehende Flaneur laut Walter Benjamin schon an der Schrägstellung seiner Schuhsohlen spürt, daß genau an dieser Stelle einst das Zusatzpferd vor den Omnibus hinauf nach Montmartre eingespannt wurde?

          Eric Hazan, von Beruf eigentlich Arzt, der den geerbten Pariser Hazan-Verlag zum angesehenen Kunstverlag ausbaute und sich dann zurückzog, geht in seinem Buch all diesen Fragen nach. So entstand ein Monument, einzigartig in der titelreichen Paris-Literatur. Es ist das Ergebnis einer siebzigjährigen Leidenschaft für diese Stadt.

          Sprengung der Mauerringe

          Beim Erscheinen vor vier Jahren in Frankreich hat das Buch für Aufsehen gesorgt. Nie wurde eine Stadtgeschichte so sehr von der Literatur- und Kunstgeschichte her geschrieben. Die große Gelehrsamkeit blüht in Zitaten und Anekdoten, vermeidet jeden urbanistischen Fachjargon, spricht eine persönliche Sprache und spart nicht mit subjektiver Bewunderung oder Gehässigkeit. Henri Sauvals "Histoire et recherches des antiquités de la ville de Paris" (1724) und Sébastien Merciers berühmtes "Tableau de Paris" (1782/83) gehören zu den besonders häufig zitierten Texten. Dieses Buch eignet sich zur Vor- oder Nachbereitung einer Reise, als Reisebegleiter und ganz vorzüglich auch als Lesebuch zur immer neuen Vertiefung.

          Im Unterschied zu Städten wie London, Berlin oder Los Angeles hat Paris sich nicht gleichmäßig ausgedehnt, sondern in sukzessiver Sprengung von insgesamt sechs Mauerringen über acht Jahrhunderte hinweg. Diese in der Stadtzellenstruktur sichtbaren Jahresringe liest Hazan, indem er sie als Spaziergänger abschreitet. Das bringt ihn manchmal auf eigenwillige Schlüsse. Das Zweite Kaiserreich habe um 1860 mit der Gasbeleuchtung, den großen Straßendurchbrüchen, der üppigen Trinkwasserversorgung und den Abwasserkanälen das Pariser Stadtbild zwar schlagartig stärker verändert als die drei Jahrhunderte davor allesamt, schreibt der Autor: Die wahre Beseitigung des Mittelalters in Paris sei aber nicht durch Haussmann und Napoleon III., sondern durch Malraux und Pompidou erfolgt, die das Stadtgefüge funktional durchsanierten. Mehr als in Baudelaires Gedicht "Der Schwan" sei dieses Vergessen in Georges Perecs Roman "Die Dinge" nachzulesen.

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