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: Gar nicht so tief gesunken

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Die Psychoanalyse schaut zurück und nach vorne. Ihr Material holt sie sich aus der Vergangenheit des Patienten, um ihn mit seiner Gegenwart auszusöhnen und auf eine bessere Zukunft vorzubereiten. Der Rückblick orientiert sich nicht allein an der persönlichen Vergangenheit des Patienten, sondern mit den Mythen der Antike auch an einer kollektiven Vergangenheit.

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          Die Psychoanalyse schaut zurück und nach vorne. Ihr Material holt sie sich aus der Vergangenheit des Patienten, um ihn mit seiner Gegenwart auszusöhnen und auf eine bessere Zukunft vorzubereiten. Der Rückblick orientiert sich nicht allein an der persönlichen Vergangenheit des Patienten, sondern mit den Mythen der Antike auch an einer kollektiven Vergangenheit. Micha Brumlik aber ist in erster Linie an dem nach vorne gerichteten Blick des Janus interessiert. Er nennt Sigmund Freud den Denker des zwanzigsten Jahrhunderts, und die Zukunft, in die er schaut, ist erschreckend.

          Die Achsenzeit der Psychoanalyse liegt für Brumlik im Ersten Weltkrieg, und das ist zunächst unerwartet. "Die Traumdeutung", das erste große Werk der neuen Lehre, erschien 1900, und Freud vollzog seinen Bruch mit der Schulmedizin schon um die Jahrhundertwende. Doch Brumlik setzt andere Akzente und macht damit deutlich, daß er Freud und seine Lehre nicht auf einer persönlichen, werkbiographischen Ebene liest, sondern als historisches Phänomen innerhalb einer Geschichte der Weltanschauungen.

          Ein Beispiel ist der Begriff des Kindes, mit dem die Psychoanalyse arbeitet. Es habe sexuelle Bedürfnisse, betonte Freud und schuf damit das Skandalon, das ihn vor der medizinischen Zunft zum Außenseiter stempelte. Brumlik aber weist darauf hin, daß die "Unschuld" des Kindes keineswegs als das Ergebnis empirischer Wissenschaft zu gelten habe. Im Gegenteil: Lange herrschte die Auffassung von "Kindern als lüsternen und aggressiven, letztlich verstockten Wesen", und erst seit dem siebzehnten Jahrhundert sei sie allmählich einer anderen Anschauung gewichen. In der Romantik und unter dem Einfluß der "bürgerlichen und biedermeierlichen Transformation des Christentums durch Schleiermacher" habe sich im neunzehnten Jahrhundert schließlich ein Bild des engelhaften Kindes verfestigt, das sich auch auf entsprechende Perikopen bei Markus und Lukas berufen konnte.

          Brumlik ist Erziehungswissenschaftler, und die Entwicklung der Psychoanalyse liest er auf dem Hintergrund der Dynamik, mit der das moderne Menschenbild sich gewandelt hat. Freuds zwanzigstes Jahrhundert definiert er mit dem Historiker Eric Hobsbawm als das "kurze Jahrhundert", das erst 1914 mit dem Untergang des alten Europa begann, und dem Ersten Weltkrieg mißt er daher besonderes Gewicht bei. Als Freuds Sohn Martin 1915 an der russischen Front verwundet wird, veröffentlicht er den Aufsatz "Zeitgemäßes über Krieg und Tod", und dort heißt es: "Der kriegführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde."

          Auf solche Kriegserfahrung führt Brumlik die pessimistische Bildungstheorie Sigmund Freuds zurück, die anders als die Theorien der Aufklärung und des Idealismus dem Menschen alle angeborene Neigung zur ethischen Vervollkommnung abspricht. "In Wirklichkeit", so zitiert er Freud, "sind sie nicht so tief gesunken, wie wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs von ihnen glaubten."

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