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: Ganz abstrakt wär' besser gewesen

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1944 formulierte der österreichische Kinderarzt Hans Asperger eine Theorie, für die es offenbar noch zu früh war. Autismus, so meinte er, sei eine Extremvariante der männlichen Intelligenz. Die Theorie geriet weitgehend in Vergessenheit, bis sie 1991 ins Englische übersetzt wurde. Simon Baron-Cohen, englischer ...

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          1944 formulierte der österreichische Kinderarzt Hans Asperger eine Theorie, für die es offenbar noch zu früh war. Autismus, so meinte er, sei eine Extremvariante der männlichen Intelligenz. Die Theorie geriet weitgehend in Vergessenheit, bis sie 1991 ins Englische übersetzt wurde. Simon Baron-Cohen, englischer Psychologe und Autismus-Spezialist, erweckt sie in seinem neuen Buch nun wieder zum Leben und untermauert sie mit moderner Psychologie und Hirnforschung.

          Er unterscheidet drei Gehirntypen: den Systemtyp, den Empathietyp und die ausgeglichene Mischform. Der Empathietyp erfaßt mit Leichtigkeit die Gefühle und Gedanken seiner Mitmenschen, versteht es mühelos, sich auf sie einzustellen und mitfühlend zu reagieren. Der Systemtyp dagegen ordnet die Welt nach Input, Operation und Output. Seine Gefühle behält er für sich; er fände es nur absurd, sich mit einem anderen in die Umkleidekabine eines Kaufhauses zu drängen, um zu sehen, wem der neue Pullover besser steht. Unschwer zu erraten, daß das durchschnittliche weibliche Gehirn vom Empathietyp ist, das durchschnittliche männliche vom Systemtyp.

          Das Interesse an Puppen oder Autos, Rollenspielen oder Metallbaukästen, so zeigt der Autor, ist nicht nur Produkt der Erziehung. Schon neugeborene Mädchen schauen Gesichter länger an als Jungen. Haben sie die Wahl zwischen einem Gesicht und einem eher abstrakten Bild, schauen die Mädchen länger auf das Gesicht, die Jungen länger auf das Bild. Daß Mädchen schneller und besser sprechen lernen, ist bekannt, neu ist, daß Jungen schon als Zweijährige besser zielen und werfen können. Bei den Tieren ist das nicht viel anders: Schimpansenmännchen werfen besser als Weibchen, männliche Ratten finden schneller aus einem Labyrinth heraus.

          Es hilft nichts, die Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen sind, wie der Buchtitel ankündigt, vom ersten Tag an da, klein, aber real, zumindest für die Statistik. Die Hormone, das Testosteron beziehungsweise das Östrogen, sind daran maßgeblich beteiligt: Weibliche Rhesusaffen, denen Wissenschaftler Testosteron injizierten, zeigten einen Hang zu Raufereien. Doch die Hormone sind es nicht allein: Allem Anschein nach haben sowohl Empathie wie Systematisierungsvermögen auch eine genetische Basis. Paradoxerweise scheint die Mutter bei der Vererbung des männlichen Gehirntyps die Hauptrolle zu spielen. Mädchen mit dem seltenen Turner-Syndrom haben nur ein X-Chromosom. Stammt dies von der Mutter, erreichen sie in den Tests für soziale Fähigkeiten noch schlechtere Ergebnisse als Jungen.

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