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Sachbuch „Game over“ : Bitte aufwachen zum Systemcrash

  • -Aktualisiert am

Hans-Peter Martin sieht die Welt in einer Sackgasse Bild: dpa

Der frühere Politiker Hans-Peter Martin sieht die Welt in der Sackgasse. Mit seinem Buch „Game over“ fasst er die Apokalypse flott zusammen. Doch statt neue Auswege aufzuzeigen, liefert er Widersprüche.

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          Es würde eine Rezension sprengen, den Inhalt dieses Buches wiederzugeben. Der Autor, gelernter Journalist, blättert so gut wie alle Krisensymptome und Gefahren auf, von denen die Welt heute bedroht wird: Die wachsende Ungleichheit und die Spaltung der Gesellschaft in Eliten und „Abgehängte“ als Folge der Globalisierung; die fragile Struktur des Welt-Finanzsystems; die digitale Überwachungsdiktatur durch „Datenkraken“; die Gefährdung der Demokratie durch rechtspopulistische Vereinfacher; Handels- und Währungskriege, die den Wohlstand bedrohen; das Aufkommen von „Cyberwars“ und in deren Folge ganz realer Kriege.

          Ausgespart oder nur gestreift wird allenfalls der Klimawandel, weil er, wie Hans-Peter Martin meint, schon in anderen Publikationen ausführlich behandelt worden sei. Das gilt allerdings auch für die übrigen Themen seines Buches. Dessen Verdienst ist es, dass es eine flott formulierte Zusammenfassung bietet, selbst wenn das angesichts der Ankündigung einer Apokalypse etwas seltsam klingt.

          Die Daten, Zahlen und Ereignisse, die Hans-Peter Martin, der offensichtlich ein unersättlicher Leser von Zeitungen und Zeitschriften ist, zusammengetragen hat, werden durch im Internet aufgestöberte Zitate aus „Papers“ und „Non-Papers“ ergänzt und angereichert durch Äußerungen, die er in Interviews mehr oder minder bekannten Zeitgenossen entlockt hat.

          Ein Buch voller Widersprüchlichkeiten

          Nichts davon ist schlicht falsch, aber alles wird stark zugespitzt – man merkt, dass der Mann sein Handwerk gelernt hat und die Nähe zum Boulevard nicht scheut. Sein Resümee: „Die vielfältigen Krisenherde sind miteinander verzahnt und werden den Systemcrash auslösen… Wer jetzt nicht aufwacht, wird nichts mehr mitgestalten können.“

          Hier allerdings beginnt das Problem. Denn was Martin da in neun Zehnteln seines Buches aufgeschrieben hat, ist ein Kompendium der Hoffnungslosigkeit. Seine Überspitzungen, beginnend mit dem Titel „Game over“, wecken deshalb einerseits das lähmende Gefühl der Ausweglosigkeit. Anderseits sind seine Beschreibungen stellenweise – etwa wenn er von einer „herrschenden Medien-Parteien-Demokratie“ spricht – Wasser auf die Mühlen genau jener rechten Populisten à la Trump, die er bekämpfen will.

          Hans-Peter Martin (2009)
          Hans-Peter Martin (2009) : Bild: Reuters

          Widersprüchlichkeit hatte man Martin schon vorgeworfen, als er sich selbst als Politiker betätigte: Fünfzehn Jahre lang war er österreichischer Europa-Abgeordneter, zuerst auf der Liste der SPÖ gewählt, dann auf einer eigenen Liste. Damals hatte er zu Recht Missstände im Europaparlament angeprangert, dabei aber oft das von ihm durchaus geliebte Kind, die Idee der europäischen Einigung, mit dem Bade ausgeschüttet.

          Erstaunlich ist, dass ein Autor, der die Politik lange professionell beobachtet und selbst betrieben hat, ernsthaft daran glauben kann, dass es in Demokratien – oder gar auf der ganzen Welt – möglich sein könnte, die „miteinander verzahnten“ Krisen mit vergleichsweise schlichten Mitteln zu bewältigen, und das auch noch relativ schnell. Dass in Demokratien viel diskutiert wird und deshalb alles länger dauert, dass Entscheidungen meist Kompromisse sind, ist ja per se kein Systemdefekt: Es ist geradezu die Essenz einer Regierungsform, die auf Teilhabe, Deliberation und Machtbegrenzung beruht.

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