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Fußballbücher : Fallrückzieher in die Avantgarde

  • -Aktualisiert am

Günter Netzer über Weisweiler und die Aventgarde Bild: AP

Was haben die Dichter angerichtet, als sie den Fußball und seine Helden überhöhten. Günter Netzer schreibt über die Liebe zwischen dem Fußball und der Kunst; Oliver Kahn über sich selbst.

          5 Min.

          Was will das Feuilleton eigentlich immer in den Fußball hineinquatschen? Was muß denn da immer gedeutet werden und metaphorisch erhöht und dichterisch verschönt und bedeutend gemacht? Nur aus schlechtem Gewissen, daß man ein banales Hobby hat, muß man ja nicht gleich ein Gedicht drauf schreiben. Oder eine kunstvolle Rezension. Es führt ja auch meist zu nichts.

          Selbst, wenn man als Dichter, wie Peter Handke einst, sich so eng an die Wirklichkeit hält, daß man einfach die Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. Januar 1968 abschreibt und das Ganze dann Gedicht nennt und mal zuschaut, was passiert und ob das jemand druckt (und es wurde viel-, vieltausendfach gedruckt), dann liegt der Unterschied zur wirklichen Mannschaftsaufstellung eben nicht vor allem darin, daß Handkes Fassung von seinen Jüngern weihevoll verlesen werden kann, sondern darin, daß sie falsch ist.

          Liebesgeschichte zwischen dem Fußball und der Kunst

          Denn nicht Leupold, wie im Gedicht vermerkt, lief damals als linker Verteidiger auf, sondern Hilpert. Das ist der Unterschied. Das Gedicht ist wertlos. Es ist falsch. Handke war eben einfach nicht auf dem Platz. Wahrscheinlich hat sich Leupold beim Warmmachen verletzt, Hilpert kam rein, und Handke hatte sein eiliges Gedicht schon vorher aus der Zeitung abgeschrieben. Jeder Fan hätte das Handke-Gedicht genauer schreiben können als der Dichter. „Fußball ist Fußball ist Fußball“, heißt das letzte Kapitel in Dirk Schümers Fußballfeierbuch „Gott ist rund“. Eigentlich wäre damit alles gesagt.

          Wenn nicht an einem Abend im Jahr 1965 der Fußballspieler Günter Netzer in seinem Jaguar E auf dem Weg von der Handelsschule nach Hause an jener Bushaltestelle in Mönchengladbach gestoppt hätte. An der Bushaltestelle wartete Hannelore Girrulat. Ein Freund, der mit Netzer im Auto saß, machte die beiden miteinander bekannt. „Der Name Netzer sagt mir nichts“, sagte Hannelore. Eine große Liebesgeschichte begann. Die Liebesgeschichte zwischen dem Fußballer Günter Netzer und der Goldschmiedin Hannelore Girrulat, die Liebesgeschichte zwischen dem Fußball und der Kunst. „Es waren keine Welten, die da aufeinanderprallten“, schreibt Günter Netzer in seiner morgen erscheinenden Autobiographie, „es waren Galaxien.“ Netzer wohnte noch bei seinen Eltern. Sein Leben bestand aus Fußball und aus Topfpflanzen und aus schnellen Autos. „Ihre Welt bestand aus Kunst und Mode und Ästhetik und Musik und aus all dem, was man damals anfing, Pop zu nennen. Manche sagten auch Avantgarde dazu. Dann sagte ich: 'Aha!“

          „Ich spielte doch nur Fußball, wie es mir gegeben war“

          Netzer sagte Aha. Damit fing es an. Er lernte Hannelores Freunde kennen. Die Maler um den Kölner Galeristen Michael Werner. Sigmar Polke und A. R. Penck, Georg Baselitz und Markus Lüpertz. Ihre Welt, die Welt der Kunst, begeisterte Netzer. Es war „das Leben“, das sie ihm zeigten. Es war die Kunst, war Inspiration und neues Denken. Netzer nahm alles begeistert auf. Einmal, ein einziges Mal wollte sich nicht die Kunst den Fußball aneignen, sondern der Fußball die Kunst. „Nicht diese Künstler waren von mir beeindruckt, sondern ich von ihnen.“

          Und Netzer trug schwarz, und Netzer ließ die Haare wachsen, Netzer eröffnete die Diskothek „lovers lane“, und Netzer hörte Rolling Stones und Bob Dylan. Über Fußball wurde kaum gesprochen, damals in den Künstlerkreisen. Wenn doch, hörte Netzer besonders gerne zu: „Dann wurde mir nämlich erklärt, daß meine Spielweise und meine Pässe den Aufbruch der Avantgarde auf dem Fußballplatz fortsetzen sollten. Was mir da alles erzählt wurde, von der Ästhetik der weiten Pässe, den Visionen des raumöffnenden Zuspiels - so hatte ich mein Spiel noch nie gesehen. Aber es gefiel mir. Ich spielte doch nur Fußball, wie es mir gegeben war, aus der Intuition heraus. Aber so schön hatte ich meine Art des Fußballs niemals erklärt bekommen, warum sollte ich widersprechen?“

          „Das hat mehr mit Weisweiler zu tun, als mit Avantgarde“

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