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: Für einen Pelzmantel

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Alte Autos erzählen fast immer Geschichten. Die des Jaguar SS100 mit der Chassisnummer 39107 ist eine besondere. Sie berichtet von der skurrilen Schönheit eines Autos und europäischen Schicksalen aus der Vergangenheit.Nur 314 Exemplare des Jaguar SS100 sind von 1936 bis zum zweiten Jahr des Zweiten Weltkriegs gebaut worden.

          Alte Autos erzählen fast immer Geschichten. Die des Jaguar SS100 mit der Chassisnummer 39107 ist eine besondere. Sie berichtet von der skurrilen Schönheit eines Autos und europäischen Schicksalen aus der Vergangenheit.

          Nur 314 Exemplare des Jaguar SS100 sind von 1936 bis zum zweiten Jahr des Zweiten Weltkriegs gebaut worden. Das ist nur ein Tropfen im Ozean der alten Autos, aber erhalten und bekannt sind davon noch rund achtzig Prozent. Es sind alles prachtvolle, in ihrer Wirkung auf empfindsame Seelen von Autofreunden kaum zu unterschätzende Fahrzeuge. Doch ein Exemplar verdient aus vielen Gründen eine höhere Zuwendung.

          Über dieses Auto gibt es ein Buch, das keinen Vergleich mit den sonstigen, prachtvollen Werken über Jaguar zu scheuen braucht. Es ist ein schmaler, mit angenehmem Text und klaren Fotografien ausgestatteter Band, der es in sich hat. Der Fotograf und Autor Mike Riedner hat die packende Geschichte eines einzigartigen Autos produziert: "39107 - The Fascinating Story of a Solitaire" kostet 59 Euro und ist zu bestellen bei: WWC Consulting, Danziger Straße 4, 64832 Babenhausen, E-Mail: info@saoutchik-jaguar.de. Riedner hat darin den offenen Zweisitzer nicht nur in Abstammung und Technik dokumentiert, sondern ihn auch mit Fotos und Texten in zwei Phasen begleitet: Einmal in seiner Historie und dann in seiner gegenwärtigen Erscheinungsform im Lauf der Jahreszeiten. Das ist eine bisher eher seltene Art der Näherung an ein altes Auto, aber sie ist nicht ohne Reiz.

          Als "einmalig" wird dieser SS100 deshalb bezeichnet, weil er in seinem ersten Lebensabschnitt dem legendären Karossier Jacques Saoutchik begegnet. Das bleibt für das Blechkleid des Sportwagens nicht ohne positive Folgen. Der Jaguar befand sich damals in den Händen des Alexander Grafen Hochberg. Und hier beginnt jene Geschichte, die den Jaguar mitten hinein in europäische Historie, in ein kleines Drama von Lieben, Fliehen und Fahren zwischen den Zeiten begibt. Eine Geschichte, wie sie nur in dem unruhigen Europa der jüngeren Vergangenheit sich ereignen konnte.

          Dabei zeigt sich, dass die Wahrheit häufig die Dichtung zu übertreffen weiß. Denn der Jaguar SS100 trägt als Produktionsdatum den 18. März 1939, und er wird nach Polen ausgeliefert. Europa steht vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, und der Jaguar-Besitzer hat nicht viel Zeit, sich in seiner Heimat an ihm zu erfreuen. Am 1. September wird Polen überfallen, und am 5. September flieht Alexander Hochberg mit seiner Frau und seinem Jaguar nach Westen. Er notiert in seinem Tagebuch: Wir haben Erde aus Polen mitgenommen. Die Fahrt führt über Ungarn und Italien, Paris ist das Ziel.

          Der offene Jaguar SS100 ist nicht das beste Transportmittel für zwei Menschen, die ihre Vergangenheit hinter sich lassen müssen und in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Auf Umwegen gelangt der Jaguar nach Paris, und der Autoschneider Saoutchik nimmt Modifikationen vor, die ihm zu einem noch eleganteren, fließenderen und geschmeidigeren Auftritt verhelfen. Er lässt den mittleren, längs verlaufenden Teil des Fahrzeugs beinahe unverändert, widmet sich mit Hingabe den frei stehenden Kotflügeln und verleiht den hinteren Radabdeckungen einen unglaublich intensiven Eindruck von Geschwindigkeit.

          Die in der Gegenwart von Mike Riedner angefertigten Fotos zeigen den SS100 in jenem Rot, das der derzeit letzte Besitzer des Wagens favorisiert. Er war ursprünglich wohl dunkelgrau oder sogar in zwei Farbtönen lackiert. Die rote Farbe trägt dem Roadster eine Aggressivität ein, die er auch noch heute durchaus rechtfertigt: etwa 1600 Kilo wiegt der Zweisitzer, der 3,5-Liter-Sechszylinder hält 125 b. h. p. (british horse powers), bereit und er geht in den Händen eines beherzten Fahrers von null auf 60 mph in 10,9 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 101,12 mph. Mit ihm zu fahren wird als schöne Übung beschrieben, denn der schnurrende Sechszylinder trägt schon im Leerlauf ausreichende Mengen an Drehmoment vor, der dritte Gang genügt für die meisten fahrerischen Übungen.

          Ende 1939 oder Anfang 1940 gerät der Jaguar nach Spanien, aber er wird dort wenig gefahren. Es scheint, so wird in dem Buch gefolgert, als möchte Graf von Hochberg nicht gerne an seine Flucht erinnert werden. Er lebt in Spanien und stirbt im Alter von 79 Jahren am 22. Februar 1984. Aber da hat er seinen Jaguar mit "Stromlinien-Aluminium-Karosserie" bereits verkauft. An einen Frankfurter Pelzhändler und -fachmann. Dieser war dem Wagen in Spanien begegnet und ihm verfallen. Aber von Hochberg wollte nicht verkaufen und trennte sich nach zehn Jahren dann doch. Der Preis, so wird in dem Buch geschrieben, war sonderbar: ein Pelzmantel.

          Der neue Besitzer hat sich jetzt zwar seinen Wunsch erfüllt, aber er bewegt den Jaguar kaum, und fast gerät das Auto in Vergessenheit. Dem SS100 droht das Schicksal einer schlafenden Schönheit. nach einem abermaligen Eigentümerwechsel wird der SS100 zu einem Liebhaberobjekt und zum fürstlichen Star etlicher Oldtimer-Veranstaltungen. Sein Lebensweg hat sich gerundet.

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