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: Für ein Linsengericht tauscht er seine Sache nicht

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"Wie die Weltgeschichte das Weltgericht ist: so kann in noch allgemeinerem Sinne gesagt werden, daß das gerechte Gericht, das heißt die wahre Kritik einer Sache, nur in ihrer Geschichte liegen kann. Insbesondere in der Hinsicht lehrt die Geschichte denjenigen, der ihr folgt, ihre eigene Methode, ...

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          "Wie die Weltgeschichte das Weltgericht ist: so kann in noch allgemeinerem Sinne gesagt werden, daß das gerechte Gericht, das heißt die wahre Kritik einer Sache, nur in ihrer Geschichte liegen kann. Insbesondere in der Hinsicht lehrt die Geschichte denjenigen, der ihr folgt, ihre eigene Methode, daß ihr Fortschritt niemals ein reines Vernichten, sondern nur ein Aufheben im philosophischen Sinne ist." 1835 veröffentlichte der Tübinger Stiftsrepetent David Friedrich Strauß den ersten Band seines "Leben Jesu, kritisch bearbeitet". Die kritische Analyse der neutestamentlichen Überlieferungen rechtfertigte der junge Theologe mit Schillers Geschichtstheodizee von der Weltgeschichte als Weltgericht. Wie der einstige Stiftler Hegel verstand Strauß die kritische Historisierung religiöser Vorstellungen als negatives Durchgangsmoment zu ihrer wahrhaft positiven, rein begrifflichen Gestalt. Doch die pietistisch Frommen im Schwabenland sahen in Strauß' "Aufhebung" der neutestamentlichen Vorstellung in den philosophischen Begriff nur zerstörerisches Vernichten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ die württembergische Obrigkeit den kirchenkritischen Repetenten durch Polizeibeamte aus dem Stift entfernen. Im repressiven Klima des Vormärz erlebte Strauß Theologiegeschichte als inquisitorisches Glaubensgericht.

          Heutzutage werden im Tübinger Stift ganz andere, freiheitliche Theologiegeschichten inszeniert. Die Stiftsoberen setzen allein auf die Kraft besserer Argumente. Eberhard Jüngel, der Stiftsephorus, sieht in Schillers "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" eine Fehldeutung christlicher Eschatologie. Beim Stuttgarter Hegel-Kongreß zeigt er den aus aller Welt zum großen Denkergedächtnis angereisten Hegel-Forschern, daß Schiller und Hegel die christliche Vorstellung vom göttlichen Endgericht gründlich mißverstanden haben. Zwar sei ihrer Kritik am pfäffischen Mißbrauch dieser Lehre, dem Erpressen von Sittlichkeit durch Angstmachen vor dem Jenseits, zuzustimmen und jede Moralisierung der Gerichtsrede abzuwehren. Die Gleichsetzung der "Weltgeschichte" mit dem "Weltgericht" zerstöre jedoch menschliche Freiheit und drohe den Menschen dramatisch zu überfordern. Jüngel will den lebensdienlichen, befreienden Sinn der alten Vorstellung vom extremum iudicium erschließen. Spielt sich der Mensch zum Richter über andere oder gar die Geschichte insgesamt auf, wird er schnell zum totalitären Terrorsubjekt, das rein aus eigenem Vermögen über gut und böse entscheiden und seine subjektiven Wertentscheidungen gewaltsam durchsetzen will. Der eschatologische Weltenrichter wirkt hingegen befreiend, weil er von vermeintlich letztgültigem menschlichen Richten samt eifernder Rechthaberei erlöst. Jüngel deutet das iudicium postremum als therapeutisches Ereignis schlechthin. Der Richterstuhl Gottes wird zum Inbegriff einer radikal entlastenden, für Täter wie Opfer heilsamen Aufklärung von Schuldzusammenhängen.

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