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Kinostar Liselotte Pulver : Für den Dreh mit Billy Wilder wurde sogar die Hochzeit verschoben

Liselotte Pulver spielt die Hauptrolle in „Ich denke oft an Piroschka“, 1955. Bild: Picture-Alliance

Ihr Lachen ist ansteckend, doch ihre Rollen nahm sie immer ernst: Liselotte Pulver streift in einem neuen Buch durch ihr stattliches Privatarchiv und erzählt vom Leben als Star des Nachkriegskinos.

          3 Min.

          Liselotte Pulver ist für zwei Dinge bekannt: Ihr ansteckendes lautes Lachen, dem man auch in ihren Filmen begegnet, und für ihr Archiv. Als sie es vor einigen Jahren dem Frankfurter Filmmuseum vermachte, staunte der Leiter der Sammlungsabteilung nicht schlecht beim Anblick der vielen Regalmeter mit gut sortierten Kisten und Ordnern in Pulvers Haus im Schweizer Örtchen Perroy. Liselotte Pulver sagte dazu nur: „Ich war ja auch auf einer höheren Handelsschule.“

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Dieses Archiv ist die in Bern geborene Schauspielerin kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag, den sie an diesem Freitag feiert, noch einmal durchgegangen, um mit ihren Erinnerungen ein Buch zu füllen. „Was vergeht, ist nicht verloren“ ist keine klassische Autobiographie. Koautoren sind die beiden Journalisten Olaf Köhne und Peter Käfferlein, die bereits vor drei Jahren einen Interviewband mit Pulver veröffentlichten. Im Gesprächston ist auch dieses neue Buch gehalten. So begleitet man Pulver, wenn sie plaudernd durch die Regalreihen streift, mal ein Fotoalbum von Dreharbeiten aufschlägt, mal ein paar Briefe (von Joachim Fuchsberger, Curd Jürgens oder Heinz Rühmann) hervorzieht, Filmplakate findet und ihre privaten wie beruflichen Listen ausbreitet.

          „So verführerisch wie die Monroe“: Liselotte Pulver als Ingeborg in Billy Wilders „Eins, Zwei, Drei“

          In mehr als hundert Abbildungen lebt dabei die Filmwelt der fünfziger und sechziger Jahre wieder auf, als sie der Regisseur Kurt Hoffmann für „Ich denke oft an Piroschka“ (1955) entdeckte und später mit ihr die „Spessart“-Trilogie drehte. Mit Hoffmanns Filmen wurde Pulver zum Star des deutschen Nachkriegskinos. „Ich habe aus jeder meiner Rollen ein Meisterwerk machen wollen und jedes Mal alles gegeben“, schreibt Pulver. Wenn man ihre Filme heute anschaut, ist dieser Ehrgeiz erkennbar – und ihr Talent. In „Das Wirtshaus im Spessart“ (1958) soll sie die Räuber von ihrer falschen Identität (sie tauscht die Kleider mit einem Goldschmied) überzeugen und stimmt einen Sprechgesang an, der – im Gegensatz zu mancher Musicalnummer des Films – bis heute überzeugt, weil sie die Rolle ernst nahm.

          Immer wieder versuchte sie den Sprung nach Amerika. Das Angebot in „Ben Hur“ mitzuspielen, lehnt sie wegen anderer Vertragsverpflichtungen ab. Doch dann fragte Billy Wilder sie für die Rolle der Sekretärin Ingeborg in „Eins, zwei, drei“ an. Pulver war bis dahin für freche, burschikose Frauenrollen berühmt, manche bezeichneten sie als „deutsche Audrey Hepburn“. „So sehr ich meine Hosenrollen auch schätze, wollte ich einmal so verführerisch wie die Monroe wirken.“ Sie gab auch hier alles, war sexy und komisch zugleich. Ikonisch wurde die Szene, in der sie barfuß in einem engen weißen Kleid mit großen schwarzen Punkten auf einem Tischt tanzt, brennende Feuerspieße in der Hand, und so drei russische Delegierte um den Verstand bringt. Dafür färbte sie sich die Haare blond, übte den Monroe-Hüftschwung und verschob sogar mehrmals ihre Hochzeitspläne mit dem Schauspieler Helmut Schmid.

          Spaß mit den goldenen Rehlein: Liselotte Pulver (rechts) während der Bambiverleihung 1964 mit Sophia Loren und Heinz Rühmann

          In Krisenzeiten zeigt sich, wie stabil eine Beziehung ist. Schmid bestärkte seine Verlobte darin, erst einmal in Ruhe mit Wilder zu drehen und danach Hochzeit zu feiern. Die Menükarte der Hochzeitsfeier ist im Buch abgebildet, das ursprüngliche Datum ist einfach durchgestrichen. Ihre Ehe mit Schmid hielt bis zu dessen Tod 1992. Dass die Erinnerung an seinen Verlust sie noch heute schmerzt, zeigt sich in der Kürze des Kapitels, das sie ihm widmet, überschrieben mit „Der Mann meines Lebens“.

          Neben diesen diskreten Einblicken ins Privatleben erzählt Pulver auch von ihrem Handwerk, was Schauspielerinnen selbst in Interviews selten tun. Um sich besser einprägen zu können, welche emotionalen Entwicklungen die von ihr dargestellten Charaktere durchleben, malte sie zu jeder ihrer Rollen Kurven, in denen Blitze bedeuten, dass sich ihre Figur verliebt, gerade Linien dahinplätschernde Handlung und Herzen ein Happy End ankündigten. Würde sie eine solche Kurve ihres eigenen Lebens zeichnen müssen, schreibt Pulver, gäbe es nur wenige gerade Linien.

          Bekannt geworden durch burschikose, freche Rollen: Pulver mit Räuberhauptmann Carlos Thompson beim Dreh von „Das Wirtshaus im Spessart“ 1956.

          Eine würde wohl den Beginn des Neuen Deutschen Films markieren. Doch auch darauf, dass sie von dessen Regisseuren nicht mehr als Schauspielerin geschätzt wurde, blickt sie ohne Bitterkeit zurück. „Natürlich zeigten viele von Hoffmanns Filmen eine heile Welt, aber das war das, was das Publikum im Kino sehen wollte, was es in damaligen Zeiten, kurz nach dem schrecklichen Krieg, vielleicht einfach brauchte.“ Pulver konzentrierte sich auf Fernsehrollen und spielte Ende der siebziger Jahre die „Lilo“ in der deutschen Rahmenhandlung der „Sesamstraße“. Doch darüber verliert sie nicht mehr viele Worte, fügt lieber noch ein paar Schnappschüsse mit Romy Schneider an und macht noch einen Scherz. Nur eines verrät sie in diesem Buch nicht: Wie man über neun Jahrzehnte so gut gelaunt bleibt. Es hilft zu diesem Zweck aber schon einmal, dieses Buch zu lesen.

          Liselotte Pulver: „Was vergeht, ist nicht verloren“. Drehbuch meines Lebens. Lilo Pulver öffnet ihr Privatarchiv.
          Unter Mitarbeit von Peter Käfferlein und Olaf Köhne. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2019. 232 Seiten mit Abbildungen, gebunden, 24,– Euro.

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