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Theorie des Erzählens : Wer etwas erzählt, will belohnt werden

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Kettenexperiment: Illustration in F. Bartletts „Remembering“ Bild: Abbildung aus dem besprochenen B

Entscheidend sind immer die Emotionen: Fritz Breithaupt entwirft eine groß zugeschnittene Theorie des menschlichen Hangs zu Geschichten. Am Ende geht es um nicht weniger als ein intensiveres Leben.

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          Welche Verbindungswege führen vom Bild einer Eule zum Bild einer Katze? Seit Längerem sind Forscher den Mechanismen kultureller Übertragung auf der Spur. Ein Pionier dieser Forschungsrichtung war der britische Psychologe Frederic Bartlett, der in seinem Buch „Remembering“ (1932) den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Vorwissen, Erinnerung und der Weitergabe von Informationen untersuchte. So ließ er etwa Probanden hintereinander eine Bildvorlage aus dem Gedächtnis nachzeichnen.

          In Fritz Breithaupts neuem Buch ist eine Illustration dieses Kettenexperiments abgedruckt. Dem ersten Probanden wurde die Umrisszeichnung eines Vogels vorgelegt, in dem Breithaupt mit ornithologischem Sachverstand eine Schleiereule erkennt. Der zweite Zeichner reichert die Zeichnung des ersten mit spitzen Ohren an. Einige weniger Talentierte lassen die weitergereichte Skizze von Mal zu Mal undeutlicher werden, bis endlich Nummer neun auf die Idee kommt, dem übrig gebliebenen Knäuel, aus dem gerade noch die Ohrenspitzen ragen, einen Schwanz anzufügen. Rettende Wendung, aus der Schleiereule ist eine Katze geworden. Ab da ist das Schema stabil, wie Breithaupt schreibt: „Katze ist Katze ist Katze.“

          Die Auflösung starrer Rollenmuster

          Auf Sprache bezogen, ist diese Experimentalanordnung als Stille-Post-Spiel bekannt, in dem eine kleine Geschichte oder auch nur ein Wort durch mehrere Stationen von Mund zu Ohr geschickt wird. Breithaupt schöpft für sein Buch aus den Ergebnissen von Tausenden solcher Spiele, die er als Leiter des Experimental Humanities Laboratory an der Indiana University durchführen ließ. Sie bestätigen Bartletts Befund, dass Geschichten durch fortgesetzte Nacherzählung gleichsam rundgeschliffen, vereinfacht, von unverständlichen Elementen gereinigt und in vorhandene kulturelle Muster eingepasst werden. Anders als sein berühmter Vorgänger aber interessiert sich Breithaupt nicht nur für diese kognitive Dimension. Er entnimmt seinen Daten überdies Hinweise auf die zentrale Bedeutung von Emotionen für das Erzählen. Zumeist sind nämlich die Emotionen – heitere oder traurige, Peinlichkeit oder Rührung – das stabile Element in der Weitergabe einer Geschichte, während sich ihre inhaltliche Ausgestaltung verändert. Sie „werden zum Anker, an dem Geschichten festgemacht werden können“.

          Fritz Breithaupt: „Das narrative Gehirn“. Was unsere Neuronen erzählen.
          Fritz Breithaupt: „Das narrative Gehirn“. Was unsere Neuronen erzählen. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Aus diesem Befund entwickelt der Autor eine großräumige Theorie der Evolutionsgeschichte des Erzählens. Ihm zufolge ist das Erzählen als eine uns Menschen auszeichnende Kommunikationsweise auf Belohnung aus, und diese Belohnung besteht in der Freisetzung von Emotionen. Dadurch würden wir angespornt, unsere narrativen Fähigkeiten zu entfalten – im Wachtraum, in der Alltagskommunikation und in der Vielzahl der fiktionalen Welten, in denen wir uns heimisch machen. Kraft seiner „Multiversionalität“ weitet das Erzählen unseren Bewusstseinsraum. Es lädt uns ein, uns in unsere Mitmenschen zu versetzen; es befördert und schult das Vermögen der Empathie; es bündelt kollektive Aufmerksamkeit (joint attention). Vor allem aber lehrt es, sich in einer Welt pluraler Möglichkeiten zu bewegen, denn „im narrativen Denken sind wir immer in der Mitte einer Geschichte“, erleben die ungewisse Lage der Protagonisten an uns selber mit und teilen ihr Sichtfeld, das zugleich eingeschränkt und offen ist. Weil Figuren in Erzählungen ihrer Natur nach „spielbar“ (playable) sein müssen, löst das Erzählen dieser Argumentation zufolge starre Rollenmuster auf. „Noch das stärkste Stereotyp, das uns gefangen hält“, befindet Breithaupt zuversichtlich, „wird im narrativen Denken aufgebrochen.“

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